Profunder Bruckner-Versteher

28. Juli 2014, 06:27
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Die Wiener Philharmoniker unter Herbert Blomstedt

Salzburg - Intendanten ersinnen Programme, es wird ihnen mitunter Hals- und Beinbruch gewünscht - und dann nimmt es der Zufall ein bisschen gar zu wörtlich. Brigitte Hobmeier, die aktuelle Buhlschaft, hat sich den Mittelfußknochen gebrochen. Wird dieser Unfall kein Hindernis für die weitere Teilnahme am Jedermann darstellen, so verhielt es sich im Falle von Dirigent Riccardo Chailly anders. Er brach sich einen Arm und musste sein Salzburger Konzert mit den Wiener Philharmonikern absagen.

Da Bruckners monumentale 8. Symphonie intendiert war, stellte es jedoch eine grobe Unhöflichkeit dar, Herbert Blomstedt als Ersatz zu bezeichnen. Der schwedisch-amerikanische Maestro, dessen Nachfolger beim Gewandhausorchester Leipzig übrigens Chailly wurde, ist ein profunder Bruckner-Versteher - vorige Saison konnte man es beim Philharmonischen anhand der Fünften erleben. Auch im Großen Festspielhaus ist Blomstedt ein mit sparsamer Gestik insistierender Advokat einer sachlichen Auslegung der Werkarchitektur. Dabei transportiert er eine Innenspannung, die Doppeltes bewirkt: Es gelingt Blomstedt, die Kompaktheit der Symphonie zu wahren und dennoch all die Brüche, Zäsuren wie das Episodenhafte prägnant zu evozieren. Es franst denn auch nichts aus, nirgends eine energetische Leerstelle, kein Moment des Innehaltens führt zum Intensitätsbruch.

Natürlich lässt Blomsted es sich schon im ersten Satz nicht nehmen, das Massige des Blechs freizusetzen, das im Scherzo und dann im vierten Satz seine kathedralenhafte Pracht entfaltet. Gleichzeitig war da aber auch dieser todesnah aushauchende Schluss des ersten Satzes oder jene Momente des dritten Satzes, die einer sanft tickenden Uhr glichen.

Trotz aller Straffheit also ein hohes Maß an Tiefe, auch dank der unsentimentalen Sanglichkeit, deren Ursprung in der Raffinesse der Streicher lag. Und wenngleich am Ende des dritten Satzes und im vierten Satz das Blech leichte Intonationsschwankungen überkamen, war eine packende, konturenreiche Interpretation zu erleben, deren Charme ohne vordergründige Überwältigungsgestik auskam.

Großer Applaus. Auch vom vitalen Maestro (Jahrgang 1927) für die engagierten Philharmoniker, die das "Mysterium" (so nannte Bruckner seine Achte) erhellten, das in der Haas-Fassung (1939) erklang. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 28.7.2014)

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