Tauwetter zwischen Hisbollah und Hamas

Analyse27. Juli 2014, 17:51
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Weil sie in Syrien auf unterschiedlichen Seiten stehen, waren die Beziehungen zwischen Hamas und Hisbollah zuletzt eisig. Der Gaza-Krieg vereint sie wieder im "Widerstand".

Beirut/Wien - Das militärische Engagement in Syrien, an der Seite des Assad-Regimes, nimmt die libanesische Hisbollah völlig in Anspruch, denn es ist so erfolg- wie verlustreich und zehrt an den Ressourcen: Das ist die gängige Expertenmeinung zur Frage, ob die Schiitenmiliz im Gaza-Konflikt mit einem Raketenregen vom Norden auf Israel eine neue Front eröffnen könnte.

An einem Krieg mit Israel hat wohl weder die Hisbollah noch ihr Sponsor Iran, der in den Atomverhandlungen mit dem Westen steckt, derzeit ein strategisches Interesse. Die Beziehungen zwischen der Hamas und der Hisbollah beziehungsweise dem Iran befinden sich durch ihre unterschiedliche Positionierung im Syrien-Konflikt seit zwei Jahren noch dazu in einer Eiszeit. Bei Ausbruch des von Sunniten getragenen Aufstands in Syrien hatte sich die Hamas, deren Politbüro früher in Damaskus stationiert war, von Assad abgewandt.

Aber der Krieg zwischen Israel und der Hamas hat das Potenzial, das Beziehungsgeflecht wieder zu verändern. Manche Medien sprechen von "Versöhnung", seit der Führer der Hisbollah, Hassan Nasrallah, am 20. Juli den Politbürochef der Hamas, Khaled Meshaal, in Doha angerufen hat. Aus der Rede Nasrallahs am Freitag ist zwar keine unmittelbare Absicht abzulesen, in den Gaza-Konflikt einzugreifen, aber er machte klar, dass es ein mögliches Szenario dafür gebe: wenn Israel seine Bodenoffensive ausdehne, das heißt, die Absicht erkennen lasse, die Hamas im Gazastreifen zu vernichten. Das korrespondiert mit Israels Deklaration zu Beginn des Gaza-Kriegs: Man habe keine Absicht, die Hamas zu stürzen.

Erster Auftritt seit längerer Zeit

Nasrallah trat zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder persönlich öffentlich auf - üblicherweise hält er seine Ansprachen im Fernsehen -, und der Anlass war der "Jerusalem-Tag", was ihm sicher dabei half, die Hamas wieder als Teil des "Widerstands" zu umarmen. Er zog auch den Vergleich mit dem derzeitigen angeblichen "Sieg" der Hamas und dem der Hisbollah im Libanon-Krieg 2006. Damals sei es der Hisbollah gelungen, Israel eine Resolution aufzuzwingen, und so werde es auch diesmal sein. Tatsächlich gibt es ja Überlegungen, ob nicht am Ende des Konflikts eine Uno-Sicherheitsratsresolution stehen sollte.

Trotz der Eiszeit hat laut Experten die militärische Zusammenarbeit zwischen der Hamas und der Hisbollah und der Hamas und dem Iran nie völlig aufgehört. Auf politischer Ebene war das Verhältnis in den vergangenen beiden Jahren jedoch sehr schlecht. Ein Tiefpunkt wurde 2013 anlässlich der Schlacht um Qusayr in Syrien an der libanesischen Grenze erreicht: Die Hisbollah, die Qusayr für Assad zurückeroberte, beschuldigte die Hamas, aufseiten der Aufständischen Material und Know-how einzusetzen, die sie von der Hisbollah erworben hätte. Dazu gehörten auch Attacken durch selbstgegrabene Tunnel wie jene aus dem Gazastreifen.

Man kann durchaus sagen, dass es der Hamas durch den Gaza-Konflikt wenigstens an dieser Front gelungen ist, sich ein wenig aus der Isolierung zu kämpfen. Nasrallah sagte in seiner Rede deutlich, dass der Moment gekommen sei, vergangene Differenzen beiseitezuschieben: Jetzt gehe es um den "Widerstand" gegen Israel. Auch iranische Politiker sollen mit bereits Meshaal in Doha telefoniert haben, wozu gewiss die katarische Diplomatie beigetragen hat. Mit derartigen paradoxen politischen Resultaten ist Israel bei seinen Militäroffensiven immer wieder konfrontiert.

Assad not amused

Keine Freude mit der Verbesserung der Beziehungen zwischen der Hamas und der Hisbollah und dem Iran dürfte Bashar al-Assad in Damaskus haben. Assad hat sich laut Al-Monitor zum "Unterschied zwischen richtigen Widerstandskämpfern, die wir unterstützen, und Amateuren, die die Maske des Widerstands je nach Interessenlage (...) tragen" geäußert. Es wird interessant sein, ob es die Hisbollah und der Iran bei dem Widerspruch zwischen der Realität in Syrien, wo der Hamas der Feind ist, und in Gaza, wo die Hamas der Verbündete gegen Israel ist, belassen oder ob der Versuch stattfinden wird, Hamas und Assad anzunähern. Das dürfte schwierig sein.

Denn nicht alles ändert sich durch den Gaza-Konflikt: Die Kluft zwischen Hamas, Katar, der Türkei auf der einen und Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten auf der anderen ist womöglich noch tiefer geworden. Sowohl in Hamas- als auch in Hisbollah-freundlichen Medien - und auch von Nasrallah selbst - wird immer wieder insinuiert, dass es eine direkte Zusammenarbeit zwischen Israel und den genannten Ländern gibt. Arabische Führer hätten Israels Premier Benjamin Netanjahu angerufen und ihn aufgefordert, der Hamas den Garaus zu machen. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 28.7.2014)

  • Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah bei seiner Rede am Freitag.
    foto: reuters

    Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah bei seiner Rede am Freitag.

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