"In einer zunehmend gefährlichen Welt"

Kommentar der anderen27. Juli 2014, 17:33
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Heute vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Historiker Christopher M. Clark zog bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele am Sonntag einige Schlüsse für die Gegenwart. Seine Rede in Auszügen.

Die Sommerkrise des Jahres 1914 mag in einer größeren zeitlichen Entfernung von uns stehen, sie ist uns aber heute paradoxerweise näher als vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren. Erst langsam ist uns klar geworden, was das Ende der bipolaren Stabilität des Kalten Krieges für die Entwicklung des globalen geopolitischen Systems bedeutet. Wir befinden uns - wie die Zeitgenossen vom Jahre 1914 - in einer zunehmend gefährlichen, multipolaren Welt. (...)

Die Krise, die sich in den letzten Monaten in der Ukraine abspielte, ist (...) ein Mahnmal dafür, wie schnell die Ereignisse auch die sorgfältigsten Pläne überrollen und zu unvorhergesehenen Konstellationen führen können. Hier war ein komplexes Zusammenspiel von Kräften zu beobachten: innerstaatliche Unruhen, geostrategische Spannungen und sicherheitspolitische Gegensätze in einem demografisch vielfältigen peripheren postimperialen Raum. Dass es bei dieser Krise noch nicht zu einer weiteren Eskalation gekommen ist, liegt nicht nur an der bisherigen Zurückhaltung aller wesentlich beteiligten Entscheidungsträger, sondern auch an der Existenz trotz aller Spannungen einer blockübergreifenden Sicherheitsarchitektur mit gemeinsamen Gremien - der KSZE, der G 8 und des Europäischen Rates - die noch als Kommunikationsagenturen und notfalls auch als Vermittlungs- und Schlichtungsinstanzen dienen können.

Viel gefährlicher ist die Lage in Asien. Dort sehen wir (...) eine Vielzahl von ungelösten territorialen Streitigkeiten: auf der koreanischen Halbinsel, zwischen Russland und Japan, zwischen China und Korea und zwischen China und Japan im Ostchinesischen Meer, zwischen Korea und Japan, zwischen China und vier Staaten Südostasiens im Südchinesischen Meer, zwischen Thailand und Kambodscha, zwischen China und Indien und zwischen Indien und Pakistan wegen Kaschmir. Verstrickt in diese Streitigkeiten sind auch Nuklearmächte: Russland, China, Nordkorea, Pakistan und Indien. (...) Eine Eskalation in dieser Region könnte Kontroversen zwischen den USA und China schlagartig verschärfen.

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und den EU-Staaten sind eigentlich trotz verschiedener Spannungsphasen verhältnismäßig robust; die Kommunikation funktioniert auf vielen Ebenen. Das Gleiche kann man nicht behaupten von den Beziehungen zwischen Peking, Tokio und Seoul. Und Nordkorea befindet sich in einem Zustand tiefster diplomatischer Isolation, die zurzeit weltweit einmalig ist. Was hier nottut, ist eine Kultur der transnationalen Kooperation, ähnlich wie jene, die in Europa aus den Ruinen der zwei Weltkriege entstanden ist. Stattdessen beobachten wir in Asien - wie übrigens auch in Teilen Europas - das Wiederaufwachen eines streitsüchtigen Nationalismus, der immer auf der Suche nach einfachen Lösungen ist. (...)

Wir befinden uns, wie im Jahre 1914, in einer Phase des Umbruchs. Die Konturen des alten Systems sind im Auflösen begriffen, die neuen Konstellationen sind noch nicht klar erkennbar. Gerade in solchen Momenten, wo das Gleichgewicht ins Wanken kommt, häuft sich das Risiko. (...)

Wir sind nicht unbedingt klüger oder weiser als unsere Vorfahren. Aber wir haben, jedenfalls in Europa, bessere Strukturen. Hier hat man aus den Ruinen zweier verheerender Weltkriege eine Wirtschafts- und Friedensordnung hergestellt, die weltweit einmalig ist. Es ist nicht nur, dass durch die EU ein Krieg zwischen den Staaten Europas unvorstellbar geworden ist, sondern dass dieses transnationale Gebäude für die ganze Welt ein Modell bietet für die friedliche Schlichtung von Interessenkonflikten.

Die EU hat zurzeit vor allem innerhalb Europas eine schlechte Presse. Sie und ihre Werte werden auch innerhalb der Union von populistischen Bewegungen infrage gestellt. Aber wer die EU wie ich von außerhalb betrachtet - Australien hat noch nicht die Mitgliedschaft beantragt! -, sieht in ihr einen Akt transnationalen politischen Willens, der zu den größten Errungenschaften der Geschichte der Menschheit gehört.

Die Katastrophe des Jahres 1914 ist eine Mahnung, wie furchtbar die Folgen sein können, wenn die Politik versagt, die Gespräche versiegen und kein Kompromiss mehr möglich ist. Die Geschichte bleibt zwar nach wie vor - in den Worten Ciceros - "die große Lehrerin des öffentlichen Lebens". Da wir der Zukunft gegenüber blind sind, haben wie keine andere! Aber diese Lehrerin beschert uns keine eindeutigen Ratschläge. Sie gibt nur rätselhafte Orakel auf, über deren Bedeutung für die Gegenwart wir zum Nachdenken verpflichtet sind. (DER STANDARD, 28.7.2014)

Christopher M. Clark (54), geboren in Sydney, ist Professor of Modern European History an der University of Cambridge. In seinem Buch "Die Schlafwandler" (2013) stellt er die These von einer besonderen Kriegsschuld des Deutschen Kaiserreichs infrage.

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