"Sonst würde ich beim Anlaufen humpeln"

27. Juli 2014, 16:44
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Der unterschenkelamputierte Markus Rehm gewann den deutschen Meistertitel im Weitsprung, flog mit seiner Karbonprothese 8,24 Meter weit

Ulm/Wien - Markus Rehm hörte gar nicht mehr auf zu strahlen, doch nach seinem sportlichen Märchen ist schnell ein Richtungsstreit um den unterschenkelamputierten Weitspringer entbrannt: Fliegt er trotz oder wegen seiner Karbonprothese so weit? "Ich glaube, ich habe weder einen Vorteil noch einen Nachteil. Die Prothese ersetzt, was ich nicht mehr habe", sagte der Athlet von Bayer Leverkusen. In der Diskussion um den "deutschen Pistorius" geraten die Verbände in Verlegenheit.

Weitspringer Rehm, Paralympics-Sieger von 2012, gewann in Ulm als erster Springer mit Handicap den deutschen Meistertitel bei den nicht Gehandicapten und verbesserte seinen Weltrekord um 29 Zentimeter auf 8,24 Meter. Zudem überbot der 25-Jährige die Norm von 8,05 m für die Europameisterschaft in Zürich (ab 12. August) deutlich. Nur vier Athleten in Europa sind heuer weiter gesprungen. "Er hat die Norm geschafft und kann nominiert werden", sagte Thomas Kurschilgen, Sportdirektor des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV).

Europas Verband am Zug

Ob Rehm tatsächlich in Zürich springen darf, muss letztendlich der europäische Verband (EAA) entscheiden. Man verwies auf Gespräche mit dem DLV und dem Weltverband IAAF in den nächsten Tagen. "Der europäische Kontinentalverband kann diese Entscheidung nicht treffen, dies muss der Weltverband IAAF tun", sagte EAA-Generaldirektor Christian Milz.

Rehm ist längst zu einem Politikum geworden. Während sich Ex-Europameister Christian Reif, der hinter dem neuen Konkurrenten mit 8,20 auf Platz zwei landete, positiv äußerte, heizte Titelverteidiger Sebastian Bayer die Diskussion um ein etwaiges Technikdoping durch einen Katapulteffekt bei Rehm an. "Die Prothese ist gefühlte 15 Zentimeter länger als das andere Bein. Meine Beine sind beide gleich lang", sagte der Hamburger, der als Fünfter (7,62 m) ein Debakel erlebte.

Rehm gab zu, dass seine Prothese "drei, vier Zentimeter" länger ist als sein gesundes Bein. "Sonst würde ich beim Anlaufen humpeln", sagte der Orthopädietechniker, der selbst an den Einstellungen seiner Prothese feilt. Diese sei aber "größtenteils" aus Standardteilen gebaut. Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des deutschen Behindertensportverbandes, glaubt nicht an einen unerlaubten Vorteil. "Markus ist einfach ein Ausnahmeathlet."

Biomechanik-Analyse

Alle Beteiligten geraten auch deshalb in Verlegenheit, weil Rehm in Ulm nur unter Vorbehalt starten durfte. Biomechaniker haben während des Wettkampfs Daten erhoben, um zu analysieren, ob seine Leistungen mit denen der anderen Springer vergleichbar sind. Wann die Wissenschafter ihre Ergebnisse vorlegen, steht noch nicht fest. Der DLV strebt für die Zukunft eine Art TÜV für Prothesen an, um Leistungen vergleichbar machen zu können. "Da haben wir geschlafen", sagte Weitsprung-Bundestrainer Uwe Florczak und kritisierte, dass die Frage schon vorher hätte geklärt werden müssen.

"Ich weiß um das Problem und verstehe die Diskussion. Ich möchte einfach Klarheit haben", sagte Rehm. Die Situation erinnert stark an den Fall des doppelt amputierten Oscar Pistorius. Der Südafrikaner klagte 2008 vor dem internationalen Sportgerichtshof Cas in einer Einzelfallentscheidung erfolgreich sein Startrecht für alle Wettkämpfe ein und lief schließlich sogar bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Ein juristisches Hickhack, um seinen Start in Zürich einzuklagen, schloss Rehm allerdings aus. "Ich vertraue den Analysen des DLV", sagte er. Milz hält einen Vergleich mit Pistorius für nicht angebracht: "Das Cas-Urteil war auf den Einzelfall bezogen und nicht generell auf alle Athleten." (sid, red, DER STANDARD, 27.7.2014)

  • Markus Rehm bei den Paralympics 2012 in London. Damals reichten 7,14 Meter zum Gewinn der Goldmedaille. Am Samstag in Ulm sprang er mehr als einen Meter weiter.
    foto: ap/ matt dunham

    Markus Rehm bei den Paralympics 2012 in London. Damals reichten 7,14 Meter zum Gewinn der Goldmedaille. Am Samstag in Ulm sprang er mehr als einen Meter weiter.

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