NS-Ideologie in Musikstücken: "Verdeckt gibt es da noch einiges"

Interview28. Juli 2014, 09:51
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Musikwissenschafter Kurt Drexel erforscht die düsteren Töne der Vergangenheit. Musikgeschmack definiere unser Selbst- und Fremdbild. In politisch stabilen Zeiten höre man auf, richtig hinzuhören.

STANDARD: Wenn man heute das Radio einschaltet und österreichische Musik hört - von der Volksmusik bis zum Pop -, wie viel Ideologie schwingt mit?

Drexel: Sehr viel, wenn auch nicht vordergründig über den Text. Ob ich eine bestimmte Art von Rap oder lieber Musik aus den Achtzigern höre, beeinflusst mein Selbstbild wie auch das Fremdbild. Der eigene Musikgeschmack hat viel damit zu tun, was Menschen sind, was sie glauben, was ihnen wichtig ist und wie sie das vertreten, er definiert einen Teil der Persönlichkeit. Wenn ein Jugendlicher heute sagt, er hört gerne Blasmusik, kann das ein Stigma sein. In Zeiten, als die Makrobiotik modern war, hat man oft gesagt, dass du bist, was du isst. Für die Jugendlichen heute würde eher gelten: Du bist, was du hörst.

STANDARD: Die Bedeutung wird also über das Genre und nicht den konkreten Inhalt zugeschrieben?

Drexel: Wenn ich etwa sage, dass ich gerne Bob Marley höre, werde ich vermutlich sofort mit seiner Befreiungsideologie in Verbindung gebracht. Auch, wenn ich mit seinen Texten nur zur Hälfte einverstanden bin. In eigentlich allen Konfliktherden dieser Welt sieht man, dass es auch heute noch inhaltlich extrem ideologische Musik gibt. Etwa Turbofolk in Serbien, der mit sehr hetzerischen Texten verbunden ist. Musik an sich ist nie politisch, aber sie wird es, sobald ihr die Gesellschaft diese Bedeutung gibt.

STANDARD: Und in einer politischen Situation wie in Österreich wird dann auch die Musik entpolitisiert?

Drexel: In politisch stabilen Situationen hören die Menschen nicht mehr so genau hin und machen sich weniger Gedanken über den politischen Gehalt. Die Musik ist eine Verstärkerin von Gefühlen - und damit auch ein bestens geeignetes Instrument für Missbrauch. Dabei können ein und demselben Stück unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden. Beethovens Neunte wurde im NS-Staat für Staatsakte verwendet, heute ist sie Europahymne.

STANDARD: Man muss also Musik, die missbraucht wurde, nicht verteufeln?

Drexel: Ich halte nichts von Verboten. Musik hat Geschichte, die sollte man weder zudecken noch verleugnen, man muss mit ihr umgehen. Durch das Internet bleibt ohnehin nichts geheim.

STANDARD: Sie ziehen in Ihrem Buch eine recht düstere Bilanz: Es würden bis heute die Biografien vieler NS-Musiker verfälscht oder bloß lückenhaft dargestellt, um diesen dunklen Teil der Musikgeschichte auszuklammern.

Drexel: Die öffentliche Debatte hätte viel früher beginnen müssen. Inzwischen gibt es eine Tradition des Schweigens und Verschleierns, die sich bis in renommierte Publikationen durchzieht. Man findet Aussparungen bis hin zu biografischen Fälschungen. Nicht nur in Ausnahmefällen, es ist fast die Regel. Die Wissenschaft wie auch Blasmusikverbände diskreditieren sich damit selbst.

STANDARD: Sie beschreiben die Karrieren einiger in der NS-Zeit engagierter Musiker, nennen sie glühende Nationalisten, die ihre Karrieren nach 1945 ungebrochen weiterführen konnten.

Drexel: In Tirol war die Nachkriegszeit geprägt durch die drei Sepps: Sepp Tanzer, Sepp Thaler und Josef Eduard Ploner. Diese in der NS-Zeit sehr engagierten Komponisten haben die Blas- und Volksmusikszene auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs weiterhin dominiert. Sepp Tanzer hat als Volksmusikreferent im ORF Tirol über lange Zeit das öffentliche Musikleben in Tirol bestimmt. Die Kreise rund um diese Komponisten haben sich vom Nationalsozialismus nie distanziert, ganz im Gegenteil. Tanzer und andere Musiker sind noch 1954 im Fasching in SA-Uniform aufgetreten.

STANDARD: Wie viel NS-Ideologie findet sich in bis heute beliebten Musikstücken?

Drexel: Verdeckt gibt es da noch einiges. Etwa die Blut und Boden -Kantate von Ploner, deren Text im Rechts-Rock weiterlebt. Auch in einigen bis heute beliebten Blasmusikstücken gibt es inhaltliche Anspielungen auf den Nationalsozialismus, indem zum Beispiel auf NS-Feierlichkeiten Bezug genommen wird. Das ist beim Zuhören nicht gleich erkennbar, aber die, für die es gedacht war, wussten schon, was das bedeutet: Wir alten Seilschaften sind noch da.

STANDARD: Was ist ihre Erklärung dafür, dass gewisse Politiker bis heute nicht bereit sind, deutliche Zeichen zu setzen?

Drexel: Manche Reaktionen sind mir vollkommen unverständlich. Wenn der Tiroler Landeshauptmann sagt, er lasse sich sein Brauchtum nicht diskriminieren, ist das nicht das richtige Zeichen. Wir können uns die Biografien unserer Altvorderen nicht länger zurechtschrauben. Wenn man sich mit der Geschichte nicht auseinandersetzt, meldet sie sich zurück.

STANDARD: Ist Tirol ein Sonderfall?

Drexel: Die Verleugnung und das Verschließen vor so vielen Fakten waren bis vor kurzem noch in Tirol, Südtirol und Kärnten, vielleicht in Salzburg möglich. In Wien ging das längst nicht mehr. (Katharina Mittelstaedt, Der Standard, 28.7.2014)

Kurt Drexel (60) ist Musikwissenschafter an der Uni Innsbruck. Sein aktuelles Buch "Klingendes Bekenntnis zu Führer und Reich" ist eine Studie zur NS-Musikgeschichte Tirols.

  • SA-Trommelknaben 1938 beim sogenannten Anschluss vor der Uni Innsbruck. Musikwissenschafter Kurt Drexel findet in heute beliebten Musikstücken "verdeckt noch  einiges" an NS-Ideologie.
    foto: archiv institut f. musikwiss. uni innsbruck

    SA-Trommelknaben 1938 beim sogenannten Anschluss vor der Uni Innsbruck. Musikwissenschafter Kurt Drexel findet in heute beliebten Musikstücken "verdeckt noch einiges" an NS-Ideologie.

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