Salzburger Festspiele durch Bundespräsident Fischer eröffnet

27. Juli 2014, 12:41
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Offizieller Festakt in der Felsenreitschule - Generalthema "Erster Weltkrieg" wurde auch in Festreden behandelt

Salzburg - Die 94. Salzburger Festspiele sind Sonntagmittag von Bundespräsident Heinz Fischer in der Felsenreitschule offiziell eröffnet worden. Begonnen hat das Klassik-Festival bereits in der Vorwoche mit der Ouverture Spirituelle und der Premiere des Jedermann. Die Festspiele 2014 bieten 270 Veranstaltungen an 16 Spielstätten mit 265.000 Tickets. Einige Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler begrüßte den diesjährigen Festspielredner, den australischen Historiker und Autor Christopher M. Clark und erklärte das Generalthema der Festspiele 2014, der Erste Weltkrieg, liege auch "gründungsgeschichtlich auf der Hand".

Kunst ist auch ein Kind ihrer Zeit

Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) verwies mit zahlreichen Zitaten darauf, wie deutsche Literaten sich vom Krieg haben mitreißen ließen. Seine Erklärung dafür: "Die Kunst ist auch ein Kind ihrer Zeit." Sie versage, wenn alle anderen versagen und habe Anteil am Gelingen, was allen gelinge. Zudem sprach Haslauer von der "Hassliebe zwischen Kunst und Staat". Diese Beziehung gleiche "lang verheirateten Ehegatten", die nicht ohne einander leben könnten, aber deren Angewohnheiten den anderen bis zur Weißglut reizen würden. Seine Schlussworte: "Die Kunst rettet die Welt nicht. Das müssen wir schon selber besorgen. Aber ohne Kunst wird uns das kaum gelingen."

Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) dankte allen Mitwirkenden für das sorgsam ausgewählte Programm der Festspiele 2014, das sich unserer Geschichte annehme und damit eine "verantwortungsvolle Aufgabe" wahrnehme. "Kunst ist auch ein Mittel gegen Verallgemeinerung und Vorurteil, gegen Rassismus, Hetze und Antisemitismus", betonte Ostermayer. Dass der Bedarf an Mahnung auch aktuell gegeben sei, würden die jüngsten Vorfälle auch in Österreich zeigen.

Lehren aus der Geschichte

Bundespräsident Heinz Fischer, der seit Beginn seiner Amtszeit alljährlich die Festspiele eröffnet, wurde schon zuvor auf dem Residenzplatz mit militärischen Ehren von der Militärmusik Salzburg und einer Ehrenkompanie des Radarbatallions aus der Schwarzenbergkaserne empfangen. In der Felsenreitschule betonte Fischer, dass es notwendig sei, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Zu den wesentlichen Lehren zählte der Bundespräsident die Absage an einen aggressiven Nationalismus, die Tatsache, dass Gewalt die Probleme nicht löse und dass Frieden keine Selbstverständlichkeit, sondern eine permanente Aufgabe sei.

Dem thematischen Fokus entsprechend lasen Jedermann-Darsteller Cornelius Obonya und Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf Werke von Karl Kraus und Stefan Zweig. Für die musikalische Gestaltung sorgten Chefdirigent Ivor Bolton mit dem Mozarteum-Orchester Salzburg und die Sopranistin Laura Aikin. Gespielt wurden neben der Bundes-, Landes- und Europahymne auch Werke von Richard Strauß, Anton Weber und Ludwig van Beethoven.

Errungenschaften der Menschheitsgeschichte

Christopher Clark, australischer Historiker, Autor und ausgewiesener Experte für die Zeit des Ersten Weltkrieges, kommt in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, mit einer klaren Botschaft: "Die Europäische Union ist ein Projekt, das zu den größten Errungenschaften der Geschichte der Menschheit gehört."

Clark ist nach Joachim Gauck, Peter von Matt und Jose Antonio Abreu der vierte Eröffnungsredner der Salzburger Festspiele, der nicht mehr - wie davor üblich - von der Landespolitik ausgewählt wurde, sondern von der Festivalleitung selbst. Clark erinnerte am Beginn seiner Rede zum Hundert-Jahre-Jubiläum des Kriegsausbruchs am 28. Juli beziehungsweise am 4. August 1914 an die vielfach betriebene, charmant-verniedlichende Darstellung des ersten großen Krieges und mahnte: "Wir sollten die Schrecken des Krieges und die Wonnen des Friedens niemals, ich meine wirklich niemals vergessen." Dazu rief Clark ins Gedächtnis, dass in dieser Auseinandersetzung zehn Millionen junge Männer auf den Schlachtfeldern getötet wurden und insgesamt wahrscheinlich zwischen 15 und 21 Millionen Menschen ihr Leben verloren.

Clark versuchte deutlich zu machen, dass die Welt heute von einer ähnlichen Krise stärker bedroht ist, als noch vor 20 oder 30 Jahren: "Erst langsam ist uns klar geworden, was das Ende der bipolaren Stabilität des Kalten Krieges für die Entwicklung des globalen geopolitischen Systems bedeutet. Wir befinden uns - wie die Zeitgenossen des Jahres 1914 - in einer zunehmend gefährlichen, multipolaren Welt, gekennzeichnet durch regionale Krisen. Es gibt ein Neben- und Gegeneinander eines ermüdenden und vermeintlich im Niedergang begriffenen Weltreichs und einer emporstrebenden Weltmacht, die mit ihrem ungestümen Rütteln am globalen Mächtegefüge für Unruhe sorgt." Clark spielte damit explizit nicht auf Russland, sondern auch auf die USA und China an.

Nicht klüger oder weiser als unsere Vorfahren

In der aktuellen Ukraine-Krise sieht Clark eine vergleichsweise geringe Bedrohung für den Weltfrieden, weil es eine Sicherheitsarchitektur gebe und Strukturen wie die OSZE, die G8 und den Europäischen Rat, die als Schlichtungsinstanzen dienen können. Aber in Asien sei die Lage wesentlich gefährlicher, so der 54-jährige Australier: "Dort sehen wir eine Vielzahl von ungelösten territorialen Streitigkeiten. Verstrickt in diese Streitigkeiten sind auch die Nuklearmächte Russland, China, Nordkorea, Pakistan und Indien. Und es gibt in dieser Region überhaupt keine regionalen oder globalen Mechanismen, die in eventuellen Konflikten effektiv vermitteln könnten".

Eine Eskalation in dieser Region könnte Kontroversen zwischen den USA und China schlagartig verschärfen. "In elf von fünfzehn Fällen, wo im Laufe der letzten 500 Jahre die bestehenden Machtverhältnisse durch das Emporkommen einer neuen Großmacht infrage gestellt wurden, gab es Krieg. Ob wir heute in der Lage sind, dieser Falle zu entkommen, ist noch nicht klar. Wir sind nicht unbedingt klüger oder weiser als unsere Vorfahren. Aber wir haben, jedenfalls in Europa, bessere Strukturen. Hier hat man aus den Ruinen zweier verheerender Weltkriege eine Wirtschafts- und Friedensordnung hergestellt, die weltweit einmalig ist. Es ist nicht nur, dass durch die EU ein Krieg zwischen den Staaten Europas unvorstellbar geworden ist, sondern dass dieses transnationale Gebäude für die ganze Welt ein Modell bietet für die friedliche Schlichtung von Interessenskonflikten."

"Die EU hat innerhalb Europas eine schlechte Presse. Sie und ihre Werte werden auch innerhalb der Union von populistischen Bewegungen infrage gestellt, die immer einfach Lösungen suchen. Aber wer die EU wie ich von außerhalb betrachtet, sieht in ihr einen Akt transnationalen politischen Willens, der zu den größten Errungenschaften der Geschichte der Menschheit gehört", sagte der Festspielredner aus Australien und forderte ein ernsthaftes Nachdenken über die Mahnungen der Katastrophe von 1914.

Gewerkschaft fordert höhere Löhne

Im Publikum saßen unteranderem Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter, sowie der Präsident des tschechischen Abgeordnetenhauses Jan Hamacek. Die Salzburger Landesregierung und Vertreter des Salzburger Landtages und Gemeinderates, sowie Bürgermeister Heinz Schaden (SPÖ) nahmen ebenso teil wie kirchliche Würdenträger, etwa Salzburgs Erzbischof Franz Lackner.

Auch ein innenpolitisches war Thema am Rande der Eröffnung: Die Gewerkschaft vida und Angestellte im Gastgewerbe nutzten das Aufgebot an politischer Prominenz vor dem Festspielhaus, um auf die gescheiterten Kollektivvertragsverhandlungen aufmerksam zu machen und höhere Löhne zu fordern. (APA, 27.7.2014)

  • Direktor Alexander Pereira und seine Frau Daniela  de Souza, der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer und seine Frau Christina  Roesslhuber, Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Bundespräsident  Heinz Fischer mit seiner Frau Margit Fischer (von links).
    foto: epa/neumayr/mmv

    Direktor Alexander Pereira und seine Frau Daniela de Souza, der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer und seine Frau Christina Roesslhuber, Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Bundespräsident Heinz Fischer mit seiner Frau Margit Fischer (von links).

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