"Globale Nische": ORF überlegt Netflix-Dienst für Klassik

25. Juli 2014, 17:43
71 Postings

ORF-General Alexander Wrabetz peilt mit seinem Bezahlportal Deutschland an, mit einem Klassik-Portal den Weltmarkt. Mit Bundesländer-TV will er unterhalten - und den ORF-Direktoren womöglich neue Aufgaben geben

STANDARD: Wann der Song Contest 2015 stattfindet - das Finale am 23. Mai -, wissen Sie inzwischen. Wenn es nach dem ORF-internen Ranking, Stand heute, geht, wird er in Innsbruck über die Bühne gehen. Denn Wien soll etwa als einziger Kandidat kein - millionenschweres - Verkehrs- und Sicherheitskonzept angeboten haben. Und während Innsbruck und Graz ihre Fanmeilen im Zentrum planen, soll Wien die Kaiserwiese im Prater angeboten haben.

Wrabetz: Es gibt bisher keine Rankings, die Relevanz haben. Die Kaiserwiese ist nur ein Angebot Wiens unter mehreren Möglichkeiten. Und auch in Kopenhagen fanden nicht alle Events in einem Grätzel statt. Wesentlich ist: Alle drei Hallen erfüllen jedenfalls die Grundvoraussetzungen. Und das gibt für jede der drei Städte starke und in manchen Bereichen stärkere Argumente.

STANDARD: Vor allem: Wer wie viel zahlt.

Wrabetz: Das reicht bis zu Fragen wie: Wie viele Tickets kann man an welchem Standort für die verschiedenen Events verkaufen - da geht es um Größenordnungen von 80.000 bis 100.000 Karten inkl. öffentlicher Proben. Für die Vermarktbarkeit bei Großsponsoren spielen auch verschiedene Imagefaktoren eine Rolle. Wie ist die generelle Infrastruktur, Was passt zum Image des Song Contest, dazu, wie wir ihn positionieren wollen, auch welche Veranstaltungen gibt es, die man thematisch verbinden kann.

STANDARD: Wie den Life Ball?

Wrabetz: Zum Beispiel, wobei der später geplant ist. Es ist weit mehr als eine finanzielle Entscheidung und etwa auch eine Programmentscheidung. Wir haben die drei Standort-Kandidaten gebeten, bis kommende Woche weitere Detailfragen zu beantworten.

STANDARD: Wenn so weitergeboten wird - womöglich wird der Song Contest ja noch ein Geschäft für den ORF?

Wrabetz: Das ist nicht sehr wahrscheinlich.

STANDARD: Kann man - Sie, der ORF, wer immer noch dieses man sein könnte - es sich leisten, den 60. Song Contest nicht in Wien stattfinden zu lassen?

Wrabetz: Das ist eben eine Gesamtentscheidung. Neben den finanziellen Parametern geht es um Fragen wie: Was bringt es dem Song Contest, was der Eurovision, was dem ORF ...

STANDARD: Welche wirtschaftlichen Konsequenzen hat der Song Contest für das übrige TV-Programm: Wird dessen Budget gekürzt? Schon heuer mussten Sendeplätze für Eigenproduktionen gestrichen werden.

Wrabetz: Wir haben mit den Sportereignissen heuer viel ins Programm investiert. Das hat sich aber auch rentiert. ORF 1 und ORF 2 haben 2014 bis heute auf den Zehntelprozentpunkt genau ihre Marktanteile gehalten, mit Spartensendern liegen wir knapp über 2013. 2014 gibt es keine so großen Sportevents, also können wir einen Teil der Sonderbudgets dem Song Contest widmen. Und der Stiftungsrat hat zugestimmt, einen Teil der Wertpapierreserven dafür zu verwenden. Dazu kommen die finanziellen Beiträge der Host Cities sowie Einnahmen aus Sponsoring und Ticketverkäufen.

STANDARD: Also keine Kürzungen?

Wrabetz: Aus dem Titel Song Contest kommt es zu keinen Einsparprogrammen in anderen Bereichen.

STANDARD: Nur ein kolportiertes Beispiel: "Wir sind Kaiser" soll etwa einen Termin weniger bekommen. "TV-Media" schreibt, Robert Palfrader überlege deshalb, ganz aufzuhören.

Wrabetz: So weit ist die Budgetierung noch nicht, dass ich mit der Zahl von Formaten befasst wäre. Sicher sollte man die Marke "Kaiser" fortführen. Aber wenn man sie gut fortführt, kommt es auf eine Sendung mehr oder weniger nicht an. Es gibt Einsparungsvorgaben der kaufmännischen Direktion im üblichen Rahmen am Beginn eines Budgetierungsprozesses.

STANDARD: Wie tief liegt die Vorgabe? Schon die Personalkosten steigen im ORF ja jährlich um ein paar Millionen.

Wrabetz: Rechtekosten, Personalkosten und Sachkosten ...

STANDARD: In welchen Größenordnungen pro Jahr?

Wrabetz: In der Gegend von 20 Millionen Euro. Entsprechend müssen wir gegensteuern.

STANDARD: Jahr für Jahr?

Wrabetz: Bei einem Milliardenumsatz sind das zwei Prozent ...

STANDARD: Also etwa so viel, wie der Radiodirektor heuer sein Budget überziehen wird.

Wrabetz: Abteilungsbudgets diskutieren wir intern. Ich bin dafür verantwortlich, dass wir insgesamt nicht überziehen und in den schwarzen Zahlen bleiben. Auf der anderen Seite haben wir aber eine weitere Runde für das Handshake-Programm, manche Einnahmen entwickeln sich besser als erwartet. Wir sind also - trotz Song Contest - im normalen Budgetprozess. Vor einem Jahr mussten wir 80 Millionen Euro einsparen. Aber nach wie vor wird die Situation in vielen Bereichen angespannt bleiben.

STANDARD: Bringt so ein Song Contest einem ORF-Generaldirektor Rückenwind? Spätestens 2016 wird der Stiftungsrat den nächsten ORF-Chef bestellen. Ein bisschen scheint Ihr Wahlkampf schon anzurollen.

foto: orf/milenko badzic
Nach dem Sieg 2014: Conchita Wurst mit ORF-General Wrabetz.

Wrabetz: Erstens: Ich habe noch nicht einmal fertig darüber nachgedacht, ob ich verlängere. Aber selbst wenn, sind zwei Jahre davor ein viel zu langer Zeitraum in einem so bewegten Umfeld. Zweitens: Ein gelungener Song Contest in einer insgesamt gelungenen Gesamtbilanz, die man ziehen kann, stärkt sicher ein Management - und ein misslungener nicht. Es ist für den ORF und auch für Österreich eine Riesenchance, also sind wir sehr dran, vielleicht intensiver als andere Veranstalter vor uns.

STANDARD: Sie sind noch nicht sicher, ob Sie antreten: Macht Ihnen der Job etwa keinen Spaß mehr?

Wrabetz: Doch - es ist eine fantastische Aufgabe. Aber jetzt haben wir gerade eine neue Unternehmensstrategie beschlossen - und damit wahnsinnig viel zu tun in der Umsetzung, statt darüber nachzudenken oder zu reden, was ich persönlich in zwei Jahren vorhabe.

Nächste Seite: Warum Wrabetz nun doch keinen "billigen Industriearchitekten" für das ORF-Newscenter engagiert und zum internationalen Architektenwettbewerb lädt.

Share if you care.