Geschworener Todfeind aller Mäuse und Ratten

25. Juli 2014, 17:13
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Der Dramatiker Ernst Toller und sein Krieg-im-Frieden-Stück "Hinkemann" beim Young Directors Project

Es konnte in den Jahren der Weimarer Republik ins Auge gehen, wenn man das Andenken des Ersten Weltkriegs nicht ehren wollte. Der Dramatiker Ernst Toller (1893-1939), ein geschworener Sozialist, hatte für das Massaker auf den Schlachtfeldern keine gute Nachrede parat.

Sein in der Festungshaft geschriebenes Stück Der deutsche Hinkemann zeigt die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Es lenkt das Augenmerk auf eine Art Generalmobilmachung mitten im Frieden. Die angeblich so wilden Zwanzigerjahre kommen in Schwung. Den offiziellen Verlautbarungen gemäß schweigen die Waffen. Aber die Verheerungen, die Körper und Gemüter davongetragen haben, sind unübersehbar.

Der Proletarier Hinkemann ist ein direkter Nachkomme des "hirnwütigen" Woyzeck. Im Krieg wurden ihm die Hoden weggeschossen. Der ebenfalls freigesetzte Genosse Großhahn schielt bereits auf Hinkemanns Gemahlin Grete. Die Zeiten sind derart heillos, dass sie der Dichter Toller hinter dem Pathos des Expressionismus verstecken muss.

Seine Arbeiterfiguren verstehen nicht recht, was ihnen widerfährt, was rund um sie vorgeht. Ihr Nichtverstehen aber macht sie ausgesprochen beredt. Manchmal reden sie wie Büchner-Figuren daher. Grete Hinkemann: "Man ist nur ein armes Weib. Und das Leben ist so verworren."

Der deutsche Hinkemann wurde anlässlich der Leipziger Uraufführung 1923 zum Skandal für Nationale. Denn Hinkemann ist nicht nur ein Krüppel, dem man die Frau wegnimmt. Als ehemaliger Frontsoldat ist er friedensuntauglich. Auf der Suche nach Lohnarbeit gerät er in die Fänge eines Schaubudenbesitzers. Im Varieté dieses "Satans" beißt er als "Homunkulus" und "deutscher Bärenmensch" lebenden Mäusen und Ratten das Genick durch.

Man fühlt sich unsanft an Horváths Kasimir und Karoline erinnert. Man spürt im selben Augenblick den Abgrund, der die beiden Kosmen voneinander trennt. Man darf sich die Kulturindustrie in der Weimarer Republik jedenfalls als nicht sehr sublimes Gewerbe vorstellen. Hinkemann kauft sich die Statue eines Priapus. Seine Mutter eröffnet ihm die Verkommenheit seines leiblichen Vaters, der nach Jahrzehnten der Untreue zu ihr zum Sterben gekommen ist.

Gott ist tot. Sein Andenken spukt in grellen Einfällen durch die Fantasie Ernst Tollers, der in München an der kurzzeitigen Errichtung der Räterepublik beteiligt war. Manchmal liest sich das steile Pathos dieser genialischen Szenenfolge auch wie eine Persiflage auf die Heilige Schrift. Grete habe sich wider die natürliche Ordnung vergangen, weil sie Hinkemann, ihren Mann ohne Männlichkeit, "verlacht" habe. Es fällt schwer, dabei nicht an Christus am Kreuz zu denken. Grete wird sich zu Tode stürzen. Hinkemann wird Kommunist werden. Davor aber werden die Nationalsozialisten ganz real an die Macht kommen. Sie werden den Pazifisten und Emigranten Toller zu Tode hetzen. Am 22. Mai 1939 nahm sich Toller in New York das Leben. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 26.7.2014)

31.7.: "Hinkemann", Regie: Milos Lolic, Republic, 20.00

  • Erregte Anstoß bei Nazis und Nationalen: der Dramatiker Ernst Toller (1893-1939).
    foto: ap

    Erregte Anstoß bei Nazis und Nationalen: der Dramatiker Ernst Toller (1893-1939).

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