Hamlet und Steinpilz

Kolumne25. Juli 2014, 17:01
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Über die Schwammerlkriminalität

Ein Urlaub will mit all seinen Höhen und Tiefen geplant sein. Mundpropaganda hilft. In den Wäldern, so hatten uns die Vorgänger in der Hütte geraunt, gäbe es ein Meer von Eierschwammerln, einen Tsunami an Steinpilzen. Luxus und Überfluss unter jedem zweiten Baum.

Uns lief das Wasser im Maul zusammen. Eine Woche hätten sie davon gezehrt! Sie waren braungebrannt, gesund, mit Sonnensträhnen im Haar. Mit wunderschön goldgetönten Härchen auf den Oberarmen. Wir nickten begeistert, packten die Badehosen und die Pilzsackerln ein und machten uns gefasst auf Kommendes. Der Wald südlich der Hütte war leer bis auf ein paar Fliegenpilze. Dafür Heidelbeerfelder, wohin das Auge reichte.

Ich zückte das Sackerl. "Denk an den Fuchsbandwurm", sagte meine belesene Tochter. Himbeeren, die für den Uriniervorgang des gemeinen Fuchses de finitiv zu hoch gewesen wären, fanden wir leider nicht. Im öst licheren Wald begegneten wir auch keinem einzigen Pilz, dafür aber einem Mann, der zügig vor uns davonlief. Mit einem großen Sack beladen, ein wenig saisonunabhängig an den Weihnachtsmann gemahnend. Am Hang gegenüber durchkämmte eine ganze organisierte Schwammerlsucherarmada den Wald. Vater, Mutter, Kinder und sogar Großeltern, die sich über die gesamte Fläche verteilt hatten.

Ich empfand augenblicklich wilden Hass auf unsere natürlichen Fressfeinde. Am nächsten Tag wollten wir wenigstens die Heidelbeeren holen. Zwischen den Sträuchlein ragten bereits bunt gewandete Hinterteile in die Höhe. Der Gegner war deutlich in der Überzahl. Ich verfiel aus Verzweiflung auf Kriegslist und graste den Bereich neben der Bundesstraße ab, mit Erfolg. Der Frust wich zügelloser Gier.

Wir wühlten wie die Trüffelschweine, erwiesen uns aber leider als halb so tierisch. "Ist der hier ein Eierschwammerl?", fragte ich. "Denk nicht drüber nach", sagte die mitreisende Freundin. Am Abend stellten wir Fotos der Beute voller Stolz ins Internet und ernteten neidvolle Reaktionen, bevor wir eine russische Pilzpfanne daraus zubereiteten.

Ein gewisses Unbehagen blieb. Quasi eine Hamletfrage auf dem Teller. Keine Stunde nach dem Gelage wurde mir verdammt übel, und ich bekam Gelegenheit, mich vom reibungslosen Ablauf des Klinikbetriebs in Villach zu überzeugen. Die Internetgemeinde war nach zur Ansicht bereitgestellten Galgen samt grünem Gesicht darunter hämisch bis mitleidig. Den Eierschwammerln erging es dennoch massiv besser als Josef S. Die folgenden Investigationsarbeiten führten zu einem Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die nächsten Pilzerfahrungen suchen wir im Supermarkt. Und auf jeden Fall offline. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 26./27.7.2014)

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