Jimmy Who und Amerikas verschollener Traum

26. Juli 2014, 17:00
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In den politischen Salons von Washington scheint man Jimmy Carter schon längst vergessen und verdrängt zu haben - doch es gibt sie noch: Jene, die an die Soft-Power-Politik des 39. Präsidenten der USA glauben.

Bei Philip Kurland gibt es noch Comic-Hefte aus den 1930er Jahren, als Superman gerade erfunden worden war. Und in Mimmi’s Diner, einem Imbiss wie aus einem Norman-Rockwell-Gemälde, backen sie Süßkartoffelkuchen. Die pittoreske Main Street lässt an ein Freilichtmuseum denken: Plains, Georgia, scheint gefangen zu sein in einer Zeitblase.

Das Depot der Seaboard Coast Line Railroad war einmal Wahlkampfzentrale, kaum zu glauben. Drinnen lassen die Poster von damals erkennen, wie locker und selbstironisch es 1976 zuging: „The grin will win!“ - gemeint ist Jimmy Carters breites Grinsen.

foto: frank herrmann
Der Bahnhof von Plains war 1976, zumindest der Legende nach, das Wahlkampfhauptquartier des Präsidentschaftskandidaten Jimmy Carter

Zu Carter gibt es eine glaubwürdig überlieferte Episode aus dem Ostküstenstaat New Hampshire: „Hi, ich bin Jimmy Carter, und ich möchte Präsident werden“, stellte sich der Kandidat in einem Imbisslokal vor. Worauf Besitzer Lloyd Robie fragte: „Jimmy Who?“

Kein Wunder, dass sie hier in Plains, Einwohnerzahl unter 800, so sehr darauf herumreiten. Eine bessere Anekdote kann es kaum geben für den kometenhaften Aufstieg von der Erdnussfarm ins Oval Office. Im fernen Washington dagegen scheint Carter so gründlich vergessen zu sein, wie Plains ab 1980 zurückfiel in seine Südstaatenschläfrigkeit.

In der Hauptstadt taugt der 39. US-Präsident meist nur noch als Menetekel für das, was seinen Nachfolgern blühen könnte. Als der Stern Barack Obamas zu sinken begann, stellte man bald die Frage, ob die Nummer 44 wohl das Schicksal von Nummer 39 teilen werde - als Symbol von Schwäche und Orientierungslosigkeit.

Angst vor der Blamage

2016 könnten die Republikaner eine ähnliche Leitmelodie anstimmen wie 1980, im Jahr der Schlappe gegen Ronald Reagan. Und die führenden Demokraten - während sie Bill Clinton verehren - reden über Carter wie über einen ein bisschen peinlichen Verwandten. Wenn überhaupt. Jimmy Who?

foto: frank herrmann
Philip Kurland in seinem „Trading Post“, einem Andenkenladen, in dem sich fast alles um Jimmy Carter dreht

Ladenbesitzer Kurland, der engelsgeduldig auf Kunden wartet in seinem „Trading Post“, findet das alles höchst ungerecht. „Wenn es Schwäche ist, dass man keine Kriege anzettelt, dann kann ich gut damit leben.“ Vielleicht, sinniert er weiter, war Carter einfach zu ehrlich, zu nachdenklich für die harte Politik.

Volles Auditorium

Carter, der vergessene Präsident? Kaum: Das Carter Center in Atlanta ist bis auf den letzten Platz besetzt; das Publikum deutlich jünger als die Diskutanten. Man könnte an eine Renaissance glauben. Heute am Programm: Argentinien, die Junta, das Jahr 1977.

Ex-Diplomat Tex Harris lässt seinen sonoren Bass dröhnen. „Wir haben anderen Ländern signalisiert: Seht her, wie Ihr eure Bürger behandelt, das hat einen Einfluss auf unser Verhältnis zu Euch: Wir schauen nicht weg. Das war etwas Neues.“

„Vorher schickten wir die Marineinfanterie, damit die Militärdiktaturen überlebten“, ergänzt der heute 89-jährige Carter. „Doch dann wies ich meine Botschafter an, dass sie von nun an Repräsentanten für Menschenrechte sind.“ Viele hätten damals seinen Strategiewechsel für naiv gehalten, „aber wenn ich mich heute umschaue, dann sehe ich keine Militärdiktatur mehr in Lateinamerika.“ Langer Atem, Soft Power, eingefahrene Gleise verlassen.

foto: ap photo/statesman.com, ralph barrera
Jimmy Carter beim Civil Rights Summit, Austin, April 2014

Fragt man Carter nach den Lehren jener Zeit, schickt er voraus, dass er sicher anecken werde mit seiner Antwort. Sei’s drum: Mancher habe den verschwundenen Argentiniern einfach das Etikett „Kommunist“ aufgeklebt und die Sache abgehakt. „Was damals der Kommunist war, ist heute der Terrorist“, erklärt Carter. Er könne nur warnen vor Wortkeulen, bei denen man sich nicht mehr die Mühe mache, zu differenzieren.

Kompass für die USA

Die USA streiten über die Rolle, die sie in der Welt spielen sollen. Obama definiert sie enger als viele Vorgänger, wofür ihn die Falken wie John McCain als Kapitulationspräsidenten bezeichnen, während linke Demokraten wie libertäre Republikaner der neuen Bescheidenheit applaudieren.

Harris findet, dass es nicht schaden könnte, sich auf den Kompass Jimmy Carter zu besinnen. Amerika habe die Menschenrechte zwar nicht erfunden; „aber die Menschenrechte haben Amerika erfunden. Und Carter hat seinen Kurs danach ausgerichtet.“

Randall Balmer, Autor der neuesten Carter-Biografie, sieht ihn als Messpunkt für die dramatische Veränderung der politische Landschaft: „Carter stand für ein Amerika, von dem alle träumen. Er stand für ein Amerika, wie es nichts mehr zu tun hat mit der heutigen Realität.“

Und dann ist da noch Camp David. Ein Theaterstück gleichen Namens erinnert daran, was für ein Kunststück Carter damit 1978 gelang. Wie er den Ägypter Anwar al-Sadat und den Israeli Menachem Begin in 13 Tagen, von der Welt abgeschnitten, zum Kompromiss überredete, wie er an sie appellierte, an ihre Enkel zu denken. Camp David, das Drama, erfreut sich großen Zuspruchs; und vielleicht gibt es ja - mangels vergleichbarer Kraftakte - tatsächlich eine Art Carter-Nostalgie. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 26.7.2014)

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