Beten und Begegnen

25. Juli 2014, 17:17
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Sufi-Gesänge treffen Bach in der Kollegienkirche

Salzburg - Der Kreis der singenden Männer ist fast vollständig - nur noch Sheikh Salem Algazouly fehlt. Erst als selbiger, der eine grüne (und nicht wie die Kollegen eine weiße) Kopfbedeckung trägt, das Podest inmitten der Kollegienkirche betritt, darf das Ritual beginnen. Es wird - wie es heißt - erst zum zweiten Mal öffentlich abgehalten: Der Sufi-Orden Al-Tariqa Al-Gazoulia, der seine musikalische Gottesannäherung an sich fern der konzertanten Öffentlichkeit praktiziert, setzt damit bewusst ein Zeichen der Öffnung und Begegnung in politisch bewegten Zeiten.

In einem katholischen Gotteshaus islamische Meditationen abzuhalten wirkt jedoch nicht nur im Sinne von Toleranz und Friedfertigkeit sympathisch. Die tendenziell wehmütig wirkenden Gesänge des in lange, weiße Gewänder gehüllten Kollektivs aus Kairo sind in den halligen Raum auch akustisch sehr gut eingebettet.

Der Weg zur verhaltenen kollektiven Ekstase führt über Sologesänge, deren verinnerlichter Duktus sich somit profund entfaltet. Auch die Wechselgesänge zwischen Vorsänger und Chor, der unisono agiert, blühen in diesem Raum glanzvoll auf. Und da der Chor auf kontinuierliche Steigerung von Intensität setzt - durch gemeinsames Aufsuchen höherer Tonregionen, durch Temposteigerung und Zunahme von Lautstärke -, sind die Wirkungen bisweilen imposant. Teil der Gebetsmeditation sind dabei auch Wippbewegungen des Oberkörpers. Die Meditationen, die abrupt enden können und Momente der Stille zulassen, werden auch durch rhythmisches Klatschen befeuert. Interessanterweise kommen in der vokalen Begleitung eines Vorsängers auch perkussive Ansätze zur Anwendung, die an Human-Beatbox-Techniken erinnern. An jenen instrumentalen Gesangsstil also, der virtuos Rhythmusinstrumente simuliert.

Intermezzo mit Barock

An diesem Abend der Salzburger Ouverture spirituelle gab es zudem ein barockes Intermezzo. Geiger Frank Stadler interpretierte die imposante Chaconne von Bach. Einen Teil hauchte er dabei mitten im Ritual, den anderen interpretierte er vor dem letzten Aufbäumen der Gäste aus Ägypten. Zwischendurch beteiligte er sich kundig auch an der Umsetzung einiger instrumentaler Motive - Oud und andere Saiteninstrumente kommen bei Al-Tariqa Al-Gazoulia ja ebenfalls zum Einsatz.

Mag sich in den mehr als zwei Stunden mitunter auch das Gefühl von Überlänge eingestellt haben, überwog in Summe doch die Empfindung, einem besonderen Abend beigewohnt zu haben. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 26./27.7.2014)

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