"Ach Gott, lernen Sie doch Photoshop"

Video26. Juli 2014, 14:00
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Künstlerin Mieze Medusa hilft FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache beim Rappen, attestiert ihm ein Gespür für die Macht der Symbolik und luchst ihm ein Bekenntnis zum Mittelmaß ab.

STANDARD: Herr Strache rappte zuletzt "Es pfuscht die EU uns überall drein, das kann es doch nicht wirklich sein". Mieze Medusa, klingt das für Sie hitverdächtig?

Mieze Medusa: Ich bin Vertreterin der Subkultur, ich kann über Hits verhältnismäßig wenig sagen.Und die Inhalte ... na, dazu später mehr. Handwerklich hätte ich schon ein paar Vorschläge, wie man die Reimstruktur verändern könnte, um als credibiler Rapper durchzugehen. Grundsätzlich neigt Rap ja dazu, zu verschachteln und komplizierter zu reimen, und da gibt es sicher Raum nach oben.

Strache: Es ist nicht mein Anspruch, ein begabter Rapper zu sein. Es ist mehr der lustige Zugang zu ernsten politischen Fehlentwicklungen, diese einmal in einer modernen, lockeren, künstlerisch verspielten Art und Weise jungen Menschen näherzubringen, damit die sich stärker mit Politik auseinandersetzen.

derstandard.at/ von usslar
FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Künstlerin Mieze Medusa bewiesen Improvisationstalent. Zwei Stunden vor dem Dreh mit Stichworten aus dem Sprachschatz des jeweils anderen konfrontiert, performten sie kurz darauf vor der Kamera. Für Strache textete Pressesprecher Martin Glier.

STANDARD: Wie viel Anteil haben Sie am Text ihrer Raps, Herr Strache?

Strache: Wir sind immer eine Gruppe von Leuten, wo u. a. mein Generalsekretär Herbert Kickl dabei ist oder auch meine Pressesprecher, Karlheinz Grünsteidl und Martin Glier, und ich. Wir setzen uns zusammen und überlegen: Wie basteln wir aus einigen Überschriften einen interessanten Text? Das nehmen wir dann innerhalb von zwei Stunden im Studio auf, dann ist es im Kasten. Ich kann auch die Texte nicht auswendig. Wir schreiben und komponieren zusammen.

Mieze Medusa: Es ist aber interessant, warum Sie Rap wählen. Denn die Hip-Hop-Szene in Österreich ist ja beklagenswert klein, der Mainstream hört sicherlich volkstümliche Musik. Warum legen Sie sich mit den US-Stars an?

Strache: Tu ich ja gar nicht. Ich versuche in meiner Wortwahl nicht in das primitiv-schimpfende Eck hineinzugehen. Das passiert natürlich manchmal, aber nicht bei mir. Ich versuche, mit seichten, einfachen Reimen Kritik zu üben.

Mieze Medusa: Aber warum Rap?

Strache: Weil's ein frecher und witziger Ansatz ist.

Mieze Medusa: "Seichte" Reime, dem stimme ich zu. Sie, oder besser Ihre Gruppe reimt auf eine Silbe, was ja Rap-untypisch ist ...

Strache: ... ich glaub, ich könnte es sonst nicht singen ...

Mieze Medusa: ... es wird einfacher, wenn sich mehr Silben reimen, das dürfen Sie mir jetzt glauben. Was mir auch auffällt: Sie gehen sehr auf das Mittelmaß. Auch bei der Ästhetik Ihrer Plakate. Sie geben sich sehr Mühe, die Plakate so aussehen zu lassen, als könnten Sie keine Grafiker zahlen, was ich nicht glaube. Das macht es mir am schwersten, Ihre Inhalte wahrzunehmen, weil ich mir immer denke: Ach Gott, lernen Sie doch Photoshop. Ich denke aber, dass das Absicht ist, ich denke, dass Sie damit Erfolg haben. Dann frage ich mich aber, warum das nötig ist. Wo doch tatsächlich die Welt komplex ist. Warum dieses Bestehen auf dem Mittelmaß?

Strache: Ich teile Ihre Einschätzung absolut. Es ist ja alles viel vielschichtiger, als wir das jetzt auf den Rap oder auf ein Plakat reduzieren könnten. Im freiheitlichen Handbuch kann man auf über 300 Seiten unsere Vorstellungen nachlesen. Und dann gibt es noch das Werbemittel der kurzen Botschaft, bis hin zu einem Comic. Hier muss ich natürlich mit Verkürzung arbeiten. Oftmals erleben wir, dass wir medial totgeschwiegen werden, und dann ist es manchmal wichtig, eine Diskussion zu provozieren und damit auch die Gelegenheit zu haben, den einen oder anderen Inhalt zu vermitteln.

Mieze Medusa: Damit argumentiert jeder Politiker, er komme nicht ausreichend in den Medien vor. Wobei ich Ihnen aber mitteilen darf: Wer nicht ausreichend vorkommt, ist die Kunst.

STANDARD: Stichwort Mainstream: Ein Lied, das jeder kennt, ist die Bundeshymne. Für Herrn Strache ist sie eine "unliebsame Genderhymne" geworden.

Mieze Medusa: Ich habe sowieso ein Problem mit dem einen Lied, das für uns als Nation steht. Ich finde auch diese Verknüpfung von Sportevents und dem Feiern unserer Nationalität, indem wir die Hymne gemeinsam singen, problematisch. Aber wir haben sie eben, und seit ich in der Volksschule die erste Version gelernt habe, ärgere ich mich und denke: Wirklich? Dieses Nicht-Mitgemeintsein, das schlägt sich nieder.

Strache: Ich finde es unnötig, dass gerade, wenn es darum geht, Ungleichbehandlungen von Frauen gegenüber Männern auszugleichen, dann immer zu solchen Pseudodebatten übergegangen wird. Frauen geht es durch die Änderung nicht besser. Die wollen gleichen Lohn für gleiche Leistung. Oder eine Anpassung von Familienbeihilfe und Kindergeld an die Inflation

Mieze Medusa: Beim Geld sind wir uns einig, bei den Symboliken nicht. Dabei glaube ich zu wissen, dass Sie die Kraft der Symbole wahrnehmen. Daher tue ich mir schwer mit dem Argument, wir haben ja echte Probleme und das ist ja nur ein Symbol. Sie verwenden ja auch Kreuze und Fahnen bei Ihren Veranstaltungen.

Strache: Ich bin für eine Volksabstimmung.

STANDARD: Die Frauenministerin wurde ob eines Facebook-Eintrags zum Thema mit einem Shitstorm eingedeckt. Anlässlich des Nahost-Konflikts mehren sich die Hetzer unter den Postern. Soll das Strafmaß angehoben werden?

Strache: Seit ich zum Parteiobmann gewählt wurde, erlebe ich immer wieder Drohungen bis hin zu Morddrohungen. Das war am Anfang sehr unangenehm. Aber man muss sich sagen, von so etwas lasse ich mich nicht beirren. Natürlich sollte jemand, der strafrechtlich Relevantes postet, auch wissen, dass er dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

STANDARD: Sie haben auf Ihrer Facebook-Seite immer wieder Probleme mit grenzüberschreitenden Usern.

Strache: Ich habe über 205.000 Personen auf meiner Seite, ein überwiegender Teil wohl Anhänger, aber auch Gegner. Da gibt es von allen Seiten oftmals Postings, die unter jeder Sau sind. Wenn ich das sehe, lösche ich sie, blockiere sie und bringe das zur Anzeige. Ich schaffe es nur nicht immer.

STANDARD: Mieze Medusa, Sie kommen beim Slammen ja viel rum. Wo fühlen Sie sich mit Ihren deutschen Texten am besten verstanden?

Mieze Medusa: Darf ich dazu zwei Anekdoten erzählen? Ich war in der Schweiz, da war am Bahnhof ein Plakat "Nein zur Ostzuwanderung" - Wahlkampf natürlich. Ich denke mir also: Wow, die meinen mich. Ich habe also meine fünf Franken, die ich in einen Kaffee in Zürich investieren wollte, gepackt, hab mich in den Zug gesetzt und sie wieder mit nach Österreich genommen. Damit will ich sagen: Passt auf eure Plakate auf, das kann nach hinten losgehen. Das andere, was mich überrascht hat: Es bleibt für mich mehr gleich, wenn ich in Slowenien auf einer Bühne stehe, als in Deutschland. Da muss ich sehr viel ändern. Das Sprachliche, die Erwartungshaltung im Publikum, sein Umgang mit meinen Texten ist anders. Sagen wir einmal so: Wenn ich eine Anspielung auf Sie mache, würde man mich in Slowenien verstehen, in Deutschland nicht. Haider hat man gekannt in Deutschland.

STANDARD: Von welchen Nachbarn fühlen Sie sich denn besonders verstanden? Die Türken wollen Sie ja nicht besonders,

Strache: Anstand und Charakter ist keine Frage von Herkunft und Kultur. Was wir wollen, sind anständige Menschen, gleich welcher Hautfarbe oder Kultur.

STANDARD: "Daham statt Islam", wie Sie gerne plakatieren, klingt anders. Und fürchten Sie wirklich um die Deutschkenntnisse heimischer Schüler, sollte Türkisch als Maturafach eingeführt werden?

Strache: Unsere Position ist, dass wir in der EU schauen sollten, dass die europäischen Sprachen Maturasprachen sind. Darauf sollte man sich konzentrieren, statt auf einen Bereich, in dem es eh massive Integrationsprobleme gibt. Wir müssen ansetzen bei der Frage, wie wir aus dieser Spirale herauskommen, dass Kinder hier zur Welt kommen, bis zum sechsten Lebensjahr kaum ein Wort Deutsch sprechen und keine Deutsch-Vorschule da ist. Die brauchen wir.

Mieze Medusa: Ich bin ja auch dafür, früh staatliche Orte für Bildung und Erziehung anzubieten. Aber es ist doch so: Wenn man es bis zur Matura geschafft hat, kann man ziemlich sicher ganz gut Deutsch. Warum dann nicht Türkisch als Maturafach?

Strache: Wir hören von den Uni-Professoren, dass das leider oft nicht der Fall ist.

Mieze Medusa: Aber alte Uni-Professoren haben sich doch immer schon aufgeregt: "Was, die können Goethe nicht mehr auswendig?" Nö, können wir nicht, dafür haben wir Ingeborg Bachmann gelesen.

Strache: Das Rechtschreibniveau ist stark gesunken.

Mieze Medusa: Das mag sein, aber gleichzeitig ist das ja eine Generation, die mit der roten Welle im Word aufgewachsen ist. Dafür können sie einen Beamer installieren. Das ist eine Verschiebung im Wissenskanon.

STANDARD: Sollen Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, besser in Ausländerklassen gesteckt werden, wie das Ihr neuer Vize-Stadtschulratspräsident Maximilian Krauss vorschlägt?

Strache: Krauss hat lediglich festgehalten, dass es in Wien bereits Klassen gibt, die reine Ausländerklassen sind. Wo bei 30 Schülern ein, zwei österreichische Kinder in den Klassen sitzen. Da stellt sich schon die Frage: Wie kann man diese Probleme besser bewältigen? Unsere Antworten: Es braucht Deutschvorschulen! Die Klassenhöchstschülerzahl muss verpflichtend auf 25 festgelegt werden. Und natürlich wäre es auch vernünftig, über Zuwanderungsquoten nachzudenken. Am Max Krauss halte ich natürlich fest. Ich kann SPÖ und Grünen nur auf den Weg mitgeben: Lernts Demokratie, lebts Demokratie!

Mieze Medusa: Darf ich Sie noch etwas fragen? Was lesen Sie eigentlich?

Strache: Ich bin einer, der sich sehr für alles interessiert, was mit Philosophie zu tun hat, mit Quantenphysik. Das letzte Buch, das ich gelesen habe, war der Paulo Coelho, wo ich mich sehr angesprochen gefühlt habe, weil es mich an meine Jugendzeit erinnert hat. Nämlich dieses wunderschöne Gefühl, das er beschreibt beim Alchemisten, dass ein jeder junge Mensch intuitiv weiß, welchem Weg er folgen soll. Und dass wir oft diese Wege verlassen und dann wiederfinden.

Mieze Medusa: Paulo Coelho passt zu Ihnen!

Strache: Ja, danke, da sind wir wieder beim Mainstream, gell?

(Karin Riss, DER STANDARD, 26.7.2014)

ZU DEN PERSONEN

Doris Mitterbacher (Jahrgang 1975) alias Mieze Medusa ist Slammerin, Rapperin, Autorin und Gastgeberin des monatlich in Wien stattfindenden "textstrom Poetry Slam". Wer das nicht kennt: Was mit Dichterschlacht übersetzt werden kann, ist ein Wettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte unter Zeitvorgabe vor Publikum präsentiert werden. Von "mieze medusa & tenderboy" erschien 2014 deren drittes Album Sparverein der Träume. Worte in Buchform gab's zuletzt in Mia Messer (Milena-Verlag).

Heinz-Christian Strache (Jahrgang 1969) ist seit 2004 Chef der FPÖ Wien, seit der Abspaltung von Jörg Haiders BZÖ 2005 ist er auch Bundesparteiobmann der Blauen. Der gelernte Zahntechniker ist Mitglied der schlagenden Burschenschaft Vandalia, seine Kritiker werfen ihm mangelnde Abgrenzung zum Rechtsextremismus vor. Bei den Europawahlen 2014 erreichte seine Partei 19,7 Prozent. Zuvor rührte er mit dem Rap "Patrioten zur Wahl" die Werbetrommel. Privat hört er am liebsten "schnelle Rhythmen".

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