Boykott-Aufrufe: Kein Ariel in türkische Waschmaschinen

Blog25. Juli 2014, 15:07
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In der Türkei rufen Bürgermeister der Erdogan-Partei die Bürger wegen des Gazakriegs zum Boykott israelischer Waren auf. Das kleine Problem: So viele davon gibt es nicht in türkischen Supermarktregalen.

Şahinbey hat den Weg gewiesen. Der größte Bezirk in Gaziantep, der Millionen- und Pistazienstadt im Südosten der Türkei, hat unter Anleitung seines Bürgermeisters Mehmet Ihsan Tahmazoglu von der Regierungspartei AKP den jüngsten Israel-Boykott im Land gestartet. Jetzt läuft Türkei-weit wieder die alte Tretmühle des Antisemitismus: Kauft nicht beim Juden.

Die konservativ-sunnitische Regierung in Ankara versichert wohl, ihre scharfe Kritik an Israels jüngsten Gaza-Krieg (Erdogan: "barbarischer als Hitler") richte sich allein gegen die Regierung. Aber die antisemitischen Reflexe mancher ihrer Minister und natürlich ihres Regierungschefs sind über die Jahre Legion geworden: "Warum haust du ab, israelische Ausgeburt!", brüllte Erdogan einen Zurufer während seines Besuchs in der Minenstadt Soma im vergangenen Mai an (vom Regierungssprecher dementiert, von Oppositionsmedien als Video veröffentlicht). Israel hatte die Hand im Spiel beim Grubenunglück in Soma, erklärte das muslimische Revolverblatt Yeni Akit seinen Lesern, und ebenso bei den Gezi-Protesten im Sommer 2013 oder den Korruptionsermittlungen gegen die türkische Regierung im Dezember jenes Jahres. Und nun der Gaza-Krieg. Ergo Boykott israelischer Produkte. Aber das gestaltet sich nun doch ein bisschen schwierig.

729 am Barcode

Boykotteure in den türkischen Supermärkten sollen Ausschau nach dem Zahlencode 729 auf den Produkten halten, so heißt es, dem Länderpräfix für Israel auf dem Barcode. Nur finden tut man halt recht wenig in den Regalen. Keine Pistazien von Achva, keine Schokoriegel von Elite, Shampoo von Hawaii, Dosenbohnen von Pri Hagalil, Gefilte Fish von Yehuda...

Die schwarzen Listen, die auf Twitter unter dem türkischen Hashtag #israilboykot zirkulieren, sind da großzügiger. Ihnen entnehmen wir, dass etwa die Waschpulvermarke Ariel aus Israel stammen muss und von dort aus die Welt mit 30, 60 und 90 Grad reinwäscht - ein tief verwurzelter Glaube offensichtlich nicht nur in Nahost aus den Tagen des israelischen Premiers Ariel Sharon (2001-06). Auch die Eiscreme Langnese unter ihrem regionalen Markennamen Algida (Osteuropa, Südosteuropa und Türkei) ist schwer Israel-verdächtig, Marlboro, Nestle, Nescafé, Schweppes, Varta-Batterien, Suppen von Maggi oder Knorr, vor allem aber Coca-Cola, das Teufelszeug aus Amerika. Spätestens jetzt wird klar: In Ermangelung koscherer israelischer Supermarktwaren zwischen Gaziantep und Ümraniye, dem boykottierenden AKP-Vorort in Istanbul, müssen vor allem wieder die Marken von US-Konzernen herhalten. "Jede Cola, die du kaufst, kommt als amerikanische Granate zurück", heißt es schon seit Jahren auf türkischen Facebookseiten. Oder: "Jede Cola, die du kaufst, kommt als Kugel auf deinen muslimischen Bruder zurück." (Markus Bernath, derStandard.at, 27.7.2014)

  • Protestplakat in der Türkei.

    Protestplakat in der Türkei.

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