Balkan für Bergler

27. Juli 2014, 14:02
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Im Vierländereck Serbien, Mazedonien, Griechenland, Bulgarien schlägt das Herz des Balkans. Hier stehen auch die höchsten Berge der gesamten Halbinsel,
und hier finden Wanderurlauber ein weitgehend unberührtes Naturparadies.

Am Abend wird es langsam ruhiger im Innenhof des Rila-Klosters. Nur mehr wenige Gläubige, kaum eine Handvoll Touristen und einige Mönche sind in der tagsüber gut besuchten Klosteranlage zu sehen. Für die paar Verbliebenen hat sich das Warten allerdings gelohnt: Gemessenen Schrittes umrundet einer der Mönche die im Zentrum der Klosteranlage positionierte Kirche. Mit rhythmischen Schlägen auf ein brettförmiges Klangholz ruft er seine Klosterbrüder zum Abendgebet in die Kirche.

Die dort von vier Mönchen in meditativen Gesängen rezitierten Gebete werden von intensivem Weihrauchduft begleitet. Eine seltsame Magie erfüllt den Raum, der sich auch westliche Besucher nur schwer entziehen können.

Das Rila-Kloster liegt rund 120 Kilometer südlich von Sofia im westlichen Teil des Rila-Gebirges und auf 1150 Meter Seehöhe.

Das seit über drei Jahrzehnten in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommene Kloster liegt etwa 100 Straßenkilometer und zwei Autostunden südlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia im Vierländereck Serbien, Mazedonien, Griechenland, Bulgarien versteckt, mitten im gleichnamigen Gebirge. Vor über eintausend Jahren gegründet, gilt es bis heute als Zentrum der bulgarischen Orthodoxie. An hohen Feiertagen ist einiges los innerhalb und außerhalb der Klostermauern. An Mariazeller Verhältnisse kommt Rila aber bei weitem nicht heran.

Alles für den Schopska-Salat

Am Rande der engen Schluchtstraße hin zum Kloster stehen für die Pilger wie auch für die Touristen auf jeden Fall genügend Hotels für eine Übernachtung bereit. Und überall wird die Spezialität des wassereichen Rila-Gebirges angeboten: Forellen. Die Flüsse scheinen über einen ebenso schier unendlichen Bestand zu verfügen, wie die bulgarischen Paradeiser-, Gurken- und Schafkäsvorräte für den Schopska-Salat ins Unendliche gehen dürften.

Während der Klosterkomplex für viele Bulgarienreisende, die nicht nur am Schwarzmeerstrand in der Sonne braten wollen, zum Pflichtprogramm gehört, geht es in den anderen Gebieten im Südwesten Bulgariens deutlich beschaulicher zu. Im Sommer zieht es eine meist ziemlich überschaubare Zahl Wanderer und Bergsteiger ins Rila- oder ins Pirin-Gebirge.

Vulgarischer Ballermann

Ein wenig Kondition sei schon nötig, „die Wege sind weit“, sagt Zornitsa Lazarova. Die Übersetzerin aus Sofia arbeitet nebenbei immer wieder für die auf Rad-, Wander- und Ökotourismus spezialisierte Agentur Odysseia-In als Wanderführerin.

foto: thomas neuhold
Wandern im Rila-Gebirge: Die einsamen Gipfel im Süden Bulgariens sind quasi die Mitte des Balkans mit abgeschiedenen Zielen für alle passionierten Bergwanderer.

Wer wie die 32-Jährige zwei Jobs hat, kann sich glücklich schätzen in einem Land, in dem der monatliche Durchschnittslohn 2013 offiziell bei 360 Euro lag. Bulgarien ist das ärmste Land der EU, für Westeuropäer ist das Preisniveau entsprechend niedrig. Was dem Fremdenverkehr zwar grundsätzlich nützt, aber nicht immer jene Gäste bringt, die die Bulgaren selbst wollen.

Nachdem Mallorca darangeht, die Sauftouristen vom berüchtigten Ballermann mehr und mehr zu vertreiben, kommt eine immer größere Zahl der Urlaubsalkis und Eimersäufer nach Bulgarien. Das Image des bulgarischen Fremdenverkehrs leidet: Der deutsche Boulevard hat Bulgarien längst in „Vulgarien“ umgetauft.

Bulgarischer Sonnblick

Im Südwesten des Landes ist von den Saufexzessen am Goldstrand freilich so überhaupt nichts zu merken. Im Gegenteil, hier geht es sportlicher zu: Wanderführerin Lazarova drängt zum frühen Aufbruch, denn wie gesagt, „die Wege sind weit“, und niemand wisse, wie lange das Wetter hält. Das Ziel der auf insgesamt drei Tage angelegten Bergtour heißt Musala.

Mit 2925 Metern ist der Musala um sieben Meter höher als der griechische Olymp und damit der höchste Berg der gesamten Balkanhalbinsel. Auf seinem Gipfel thront eine meteorologische Messstation. Der Musala ist also so etwas wie der Rauriser Sonnblick der Balkanhalbinsel.

Die Schluchten des Balkan

Auch wenn der Berg, dessen Name auf osmanische Hirtenvölker zurückgeht und so viel wie „Nähe zu Gott“ bedeutet, der höchste der Balkanhalbinsel ist, namensgebend für diese ist eine weit unscheinbarere Bergkette in Bulgarien, das Balkangebirge nördlich von Sofia. Karl May ließ einst "In den Schluchten des Balkan", dem vierten Teil der Orientserie, seinen Kara Ben Nemsi den Schut verfolgen.

Rund 1500 Höhenmeter sind es vom kleinen Skigebiet Borovets hinauf auf den Berg, der kurzzeitig auch den Namen Josef Stalins trug. Auf gut gepflegten, mit unzähligen betonierten, gelb-schwarzen Nebelstangen markierten Wanderwegen geht es durch lichte Föhrenwälder in die Latschenzone hinauf in alpine Regionen. Dazwischen Seen, Seen und nochmals Seen. Einige Hundert dürfte die letzte Eiszeit hier hinterlassen haben. Der höchste liegt auf rund 2700 Metern knapp unterhalb des Musala.

Alien am Eissee

Gleich neben dem einen Großteil des Jahres zugefrorenen Eissee eine pyramidenförmige Schutzhütte mit Metallverkleidung, die wie ein gestrandetes Raumschiff zwischen den Felsblöcken liegt. Eisseehütte heißt der Alien offiziell, die Bulgaren nennen die Hütte in Erinnerung an den ersten Bulgaren am höchsten Berg der Erde „Everest-Hütte“.

foto: thomas neuhold
Anstieg auf den Musala. Rechts unten der Eissee, in der Bildmitte erkennt man das pyramidenförmige Dach der Everest-Hütte.

Mit den Hütten ist das überhaupt so eine Sache: Während die modernst gestaltete Everest-Hütte zwar rund 40 Personen Platz bietet, aber über keinerlei Toilettanlage verfügt – keinerlei heißt in diesem Fall wirklich keine, also nicht einmal ein Plumpsklo –, bieten andere Hütten einen Luxus, der auch in den Ostalpen selten zu finden ist.

Im Pirin-Gebirge südlich des Rila-Gebirges unmittelbar an der Grenze zu Griechenland beispielsweise lockt die Yavorov-Hütte auf 1750 Metern Seehöhe mit frischer Bettwäsche sowie mit Heizung, Toiletten und Dusche im Zimmer. Die Nacht kommt hier im Doppelzimmer pro Person auf umgerechnet 7,50 Euro.

Aus dem Boden gestampft

Etwa zwei bis zweieinhalb Stunden dauert der Fußmarsch auf die Hütte südlich der Ortschaft Bansko. „In Bulgarien heißt der Ort Bansko Gigansko“, spöttelt Zornitsa Lazarova beim Anstieg zur Yavorov-Hütte. Tatsächlich ist Bansko ein Brennpunkt der ökologischen Probleme des bulgarischen Tourismus. Rund um den historischen Stadtkern wurden in den vergangenen Jahren Bettenburgen sonder Zahl aus dem Boden gestampft, um neue Pisten zu schaffen, wurden großflächige Rodungen durchgeführt, die Erosionsschäden sind unübersehbar. Für die Sommersaison hat man monströs anmutende Golfressorts in die Landschaft geklotzt.

Hinter den ökologischen Problemen rund um Bansko steht ein Grundproblem der gesamten bulgarischen Gesellschaft: Korruption. Im Korruptionsindex rangiert Bulgarien in Europa gemeinsam mit Montenegro am vorletzten Platz. Auch in Bansko wurden die Skipisten und Liftbauten in ziemlich umstrittenen Verfahren mitten in ökologisch besonders sensiblen Zonen genehmigt.

Esoterik an den sieben Seen

Besondere Empörung hat in Bulgarien der Bau einer Seilbahn zu den sieben Seen mitten im Nationalpark des Rila-Gebirges ausgelöst. Abgesehen von den ökologischen Bedenken haben die sieben Seen für den Danovismus eine wichtige Bedeutung. Sie sind im Sommer ein wichtiger Treffpunkt für die Anfang der 1920er-Jahre von Petar Danow in Bulgarien gegründete christlich-esoterische Sekte „Universelle Weiße Bruderschaft“, die bis heute in Bulgarien zahlreiche Anhänger hat.

foto: reuters / stoyan nenov
Auf esoterisch nicht Anfällige wirken die Anhänger der "Universellen Weißen Bruderschaft" wie Landart-Trupps, wenn sie ihre Kreise rund um die sieben Seen bilden.

Aber auch esoterisch nicht Anfällige können dem Kraftplatz bei den sieben Seen viel abgewinnen. Durch die Seilbahn sind sie als Ziel für Wandertouristen zwar nicht wertlos, aber zumindest entwertet geworden. (Thomas Neuhold, Album, DER STANDARD, 26.7.2014)

Service: Bergwandern in Bulgarien

Ausrüstung, Können und Kondition für Unternehmungen im Rila- oder Pirin-Gebirge müssen jenen für vergleichbar hohe (bis 3000 Meter) Ostalpenziele entsprechen. Es gibt keine hubschrauberunterstützte Bergrettung, sondern nur einen einfachen Bergrettungsdienst! Auf den Hütten unbedingt anmelden, sonst steht man ohne Verpflegung da. Brauchbare Wanderkarten im Maßstab 1:50.000 gibt es bei mapfox.de. Organisierte Trekkingtouren für Bulgarien bietet beispielsweise die Linzer Alpinschule „Bergspechte“ an, www.bergspechte.at. Für Spezialarrangements wie etwa Wanderungen nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln wendet man sich am besten an die bulgarische Agentur Odysseia-In.

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