Julian Schutting: Was geruht Seine Majestät da zu erlassen?

27. Juli 2014, 12:06
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Wie man aus einer Kriegserklärung alles herauslesen kann. Fragen und Interpretationen zum Manifest "An Meine Völker", das vor hundert Jahren, am 29. Juli 1914, im Wiener Amtsblatt publiziert wurde

Ja, das Manifest, dem der zur allgemeinen Verlautbarung beauftragte Minister des Äußeren, Graf Stürgkh, das vorausschickt: "Seine k. und k. Apostolische Majestät haben das nachstehende Allerhöchste Handschreiben und Manifest allergnädigst zu erlassen geruht: Lieber Graf Stürgkh! ..."

Moment! in der sattsam bekannten Anrede "An Meine Völker!" ist "meine" selbstredend großgeschrieben - besitzanzeigend zum Quadrat solch ein besitzergreifendes Pronomen majestaticum, was "Völker" kleingeschrieben empföhle: "An Meine völker!"

Müßte denn ein noch und noch Völker sein eigen nennender Kaiser einem schrulligen Imker nachstehen, der als deren Eigentümer anfeuernde Worte an seine Honigproduzentinnen richtet, und hätt er es nur zu einem Volk gebracht?

Ich frage mich ja nur: hätte als "allerhöchst" auch jeder öffentliche Rülpser Seiner Apostolischen Majestät zu gelten, weil Dieselbe gleich hinter dem Allmächtigen, dem Allerhöchsten der Monarchisten - ich meine: der Monotheisten - rangiert? das "Allerhöchste Manifest" daher dem ebenbürtig, was als den Dekalog ein Moses auf dem Berg Sinai diktiert bekommen hat?

Geh bitte - "allerhöchst", "allergnädigst" oder "geruhen" so vertraute Floskeln aus der Kanzleisprache gewesen, daß sich keiner daran gestoßen hat.

Aber was geruht denn die Apostolische Majestät allergnädigst da zu erlassen? eine Frohe Botschaft?

Bitte keine Scherze!

Leider nicht einmal eine Generalamnestie. aber Seine Majestät wird schon des öfteren Gnadengesuche zum Tode verurteilter "Anarchisten", sprich: "Republikaner", gnädig behandelt haben, um Gnade vor Recht oder Unrecht walten zu lassen. und selbst hier geruht S. M., halten wir das Derselben doch zu Gnaden!, ja nur indirekt Allerhöchste Todesurteile zu verhängen, gnadenlos ruhigen Gewissens, da ja, nicht der Allwissende, nicht kann vorauswissen, wie viele auf des Obersten Kriegsherrn nicht ausdrücklichen Befehl ausersehen sein werden, für Gott, Kaiser und Vaterland wo immer zu fallen! und schließlich ist sich S. M. des Allmächtigen ganz sicher: "daß Er Meinen Waffen" ("Er" wie "Meinen" großgeschrieben) "den Sieg verleihen werde."

Jetzt, bitte, nur keine Scherze, ob S. M. zwischen "Meine Waffen" und "meine Waffen" auch schriftlich unterschieden hat - die kleingeschriebenen wären seine Doppelbüchsen, sein Ischler Stutzen.

Also lieber an den Anfang zurück:

"Lieber Graf Stürgkh! / Ich habe Mich bestimmt gefunden -"

Verzeih! wer Völker und Waffen sein eigen nennt, hat mit Stilgefühl Briefe mit "Ich" zu beginnen. und noch eins: man kann zu vielerlei gestimmt oder gelaunt sein. wenn man sich aber zu etwas "bestimmt" erachtet, vermeint man, einer Eingebung des Gewissens oder einer höheren Instanz gehorchen zu müssen, zum Wohle anderer.

Also Franz Joseph, verzeih!, hat sich vermutlich Seines Allerhöchsten Erachtens von Gott oder dem Weltgewissen bestimmt gefunden, dem Königreich Serbien den Krieg zu erklären, und wäre Er dazu nur von seinen Ratgebern überredet worden! Letzteres ist ja herauszulesen aus der gschamigen Umschreibung, "Mich bestimmt gefunden, den Minister ... zu beauftragen, der königlich serbischen Regierung den Eintritt des Kriegszustandes zwischen der Monarchie und Serbien zu notifizieren"!

Unter Absehen davon, daß die Logik submissest entweder "zwischen Österreich-Ungarn und Serbien" oder "zwischen der ... Monarchie und dem Königreich Serbien" geböte - was wäre da "gschamig" ausgedrückt?

Na, da ist doch mustergültig die Taktik eines Ordensmannes vorgegeben, der im Verhör bezüglich Zöglingsmißbrauchs das äußert: "Es mag schon zu Erektionen gekommen sein, kaum aber zu Handhandlungen" - wie der sich des Subjekts begibt, um sich der Verantwortung zu entziehen, so umschifft S. M. die von S. M. unterzeichnete Kriegserklärung - tut wie ein Außenstehender kund, was es so nicht gibt: das Eintreten eines Krieges, von mir aus: "Kriegszustandes", ohne Akteure - oder ergibt sich von selbst nicht nur eine Wetterverschlechterung?

Höchst romantisch

Kleinlich bist du, aber auch mir mißfällt, daß es S. M. "in dieser schicksalsschweren Stunde" ("schicksalsschwer" sind doch nur Schicksalstragödien, in denen die Individuen blindwütigen Urmächten preisgegeben sind) ein Bedürfnis ist, "Mich an Meine geliebten Völker zu wenden" - das "geliebt" so aufreizend, wie wenn dann viele Jahre später ein Kurt Waldheim nach seiner Angelobung zum Bundespräsidenten was von den furchtbaren Verbrechen der Nationalsozialisten daherredet!

Aber geh! der da, der greise Kaiser, möchte sich mittels des Adjektivs "geliebt" nur einschmeicheln, jener aber hat die eigennützige Frivolität aufgebracht, singuläre Verbrechen mit dem Epitheton ornans "furchtbar" auszustatten, als hätt es jemals Schrecklicheres gegeben!

Also am ersten Satz des Manifests, "Es war Mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die Mir durch Gottes Gnade noch beschieden sind, Werken des Friedens zu weihen und Meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren", an dem ist nichts auszusetzen - gibt wohl wahrheitsgetreu sein Selbstbild wieder. Ja, aber dann wird S. M. Allerhöchst romantisch: "Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen."

Also da dürfte der am 28. Juli 1914 in Bad Ischl versammelte Rat der Vorsehung, deren Konsortium, S. M. eine Alternative zur Kriegserklärung anempfohlen haben: den König von Serbien zum Duell, zum Zweikampf aufzufordern, und S. M. gibt sich fürs erste einverstanden, "zum Schwerte zu greifen" - überlegt es sich etwas später aber anders: "So muß ich denn daran schreiten, mit Waffengewalt ... den dauernden Frieden nach außen zu sichern."

Aber was da dichterisch begabte Berater dem Allerhöchsten längst mumifizierten Herzen des greisen Kaisers an plötzlich heftigen Gefühlsäußerungen entlockt haben möchten! "Ausbrüche zügelloser Leidenschaft und erbittertsten Hasses"; "Die Umtriebe eines haßerfüllten Gegners"; "Immer höher lodert der Haß gegen Mich und Mein Haus empor" ...

Stets in Einigkeit und Treue

Und so mißfällt dir auch das patriotische Pathos eines, der nun auf Seine Völker vertraut, "die sich in allen Stürmen stets in Einigkeit und Treue um Meinen Thron geschart haben und für die Ehre, Größe und Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern immer bereit waren"?

Mich hingegen verblüfft der "rasch vergessende Undank" des Königreichs Serbien, "das ... bis in die neueste Zeit von Meinen Vorfahren und Mir gestützt und gefördert worden war" - unter Absehen davon, daß es die Sprachlogik nach "rasch vergessener Dankbarkeit" verlangt: hat die Allerhöchste Senilität Seine Majestät vergessen lassen, welch gefährliche Krisen 1878 die Okkupation, 1908 die Annexion von Bosnien und der Herzegowina ausgelöst hat, und hätte sich das Königreich Serbien grundlos eingeengt und bedroht empfunden?

Und S. M. hat gleichwenig wie die Kriegserklärung "geprüft und erwogen" die Formulierung: "... tritt das Streben zutage, untrennbare Gebiete Österreich-Ungarns gewaltsam loszureißen" - an Untrennbarem wird vergeblich gerissen, ist nicht auseinanderzureißen -, und das Adverb "gewaltsam"? das steckt doch im An-etwas-Reißen!

Aber ganz in Seinem Geist hat sich S. M. den Satz diktieren lassen: "Meine Regierung hat damals von dem schönen Vorrechte des Stärkeren Gebrauch gemacht und (ein "also" wäre nun angebracht) in äußerster Nachsicht und Milde ..." - was wohl die Herren Nietzsche und Darwin dazu sagen?

"... die heranwachsende Jugend ... zu frevelhaften Taten des Wahnwitzes und Hochverrates aufzureizen. Eine Reihe von Mordanschlägen, eine planmäßig vorbereitete und durchgeführte Verschwörung, deren furchtbares Gelingen mich und Meine Völker ins Herz getroffen hat, bildet die weithin sichtbare blutige Spur jener geheimen Machenschaften ..." - das wirklich getroffene Herz, die wirklichen Spritzer von Blut haben in dieser gleichnishaft vagen Überhöhung gewiß nichts verloren, aber -

Ja, aber nun zu berätseln, warum der zwar ungeliebte Thronfolger in nicht einer Zeile beim Namen genannt wird - weil ja nur der Anlaß zur Kriegserklärung gewesen? Als würde da über den jüngsten Skandal innerhalb der "Habsburgbrut" (das ein von der Kaiserin Elisabeth gebrauchtes Wort) ein Schleier der Diskretion gebreitet!

"Ich habe alles geprüft und erwogen." - ja, und dann sind sie alle, nicht nur die Unsrigen, erschreckend planlos in die Katastrophe getaumelt. (Julian Schutting, Album, DER STANDARD, 26./27.7.2014)

Julian Schutting, geboren 1937 in Amstetten (NÖ), ist ein österreichischer Schriftsteller.

Zuletzt erschien von ihm: "Theatralisches" (Otto Müller, Salzburg 2012) und "Blickrichtungen" (Residenz, St. Pölten 2013).

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