Praktisch und vergnüglich sollten die Dinge sein 

28. Juli 2014, 05:30
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Renate Breuß organisiert den Werkraum Bregenzerwald, eine Initiative von 85 designorientierten Handwerkern

Renate Breuß organisiert den Werkraum Bregenzerwald, eine Initiative von 85 designorientierten Handwerkern. Im eigenen Haus dreht sich fast alles ums Kochen, erzählte sie Jutta Berger am Küchentisch aus Ahornholz.

"Wohnen ist für mich eine unprätentiöse Geschichte. Es soll mir Schlafen, Kochen, Essen ermöglichen und vergnüglich machen. Innen- und Außenraum und die Zwischenräume sind mir wichtig. Es muss sich ein stimmiger Ablauf meiner Tätigkeiten ergeben.

Im Koch-Ess-Wohnzimmer von Renate Breuß wird mit allen Sinnen gekocht. Im Sommer kommt der Garten durchs Fenster, im Winter schmort der Braten im Rohr. (Foto: Grass; Bildansicht durch Klick vergrößern)

Beim Bauen sollte man von den Gegebenheiten ausgehen, schauen, wie ist das Gegenüber und das Rundum. Ein Wohnhaus hat sich einzupassen, es ist ja kein öffentlicher Bau mit Repräsentationspflicht.

Wir wohnen in einem ganz einfachen Einfamilienhaus. Meine Eltern haben es Anfang der Fünfzigerjahre gebaut. Es hat einen simplen Grundriss, war aber recht praktisch organisiert: vier Räume zu je 20 Quadratmetern, Nebenräume und ein Zimmer unter dem Dach. Man hat damals schön große Fensteröffnungen gemacht, das mag ich.

Die stattliche Stiege zur Haustüre nutzen wir als kommunikatives Element, an schönen Tagen sitzen wir in der Abendsonne auf den Stufen und plaudern. Ins Haus komme ich gerne in Etappen: über die Stiege in den Windfang, durch den Gang ins Zentrum. Die Nebenräume, leider oft unterschätzt, sind Puffer beim Ankommen.

Das Erdgeschoß haben wir etwas umgebaut, nachdem unsere Tochter ausgezogen war. Eine Wand wurde herausgerissen, ein großzügiger, heller Koch-Wohnraum ist entstanden. Den Gang haben wir durch einen Bücherraum verlängert. Die frühere Küchentür wurde zum Bücherregal. Das hat der alten Katze nicht gepasst. Sie hat noch jahrelang in die Bücher gestiert und hier auf Einlass gewartet.

Stylishes Design brauche ich nicht, praktisch und vergnüglich sollten die Dinge um mich herum sein, stimmig in Funktion, Materialität und Haptik. Wenn ich über meinen Esstisch streiche, fühlt sich der nach 15 Jahren nicht nur immer noch gut, eigentlich immer besser an. Der Tisch ist wie die ganze Küche aus unbehandeltem Ahorn. Natürlich ist da schon Rotwein in Mengen geflossen und sonst einiges passiert. Aber man sieht es dem Tisch nicht an. Sofort mit viel Wasser reinigen und ab und zu mit ganz milder Seife! Bei der Küchenplanung sind oft die effizient organisierten Arbeitsabläufe die Hauptsache, für mich sind aber die Schritte, die man macht, sei es um etwas im Keller zu holen oder im Garten, mindestens so wichtig.

Neben den Büchern sind Lebensmittel meine wichtigsten Ressourcen. Die brauchen Räume. So habe ich aus Papas früherem Schreibzimmer eine helle und eine dunkle Speis gemacht. Hier stehe ich, schaue, was ich an Auswahl habe, und überlege, was ich kochen könnte.

Als Kind mochte ich das Feuer in Mamas riesigem Holzherd. Später lernte ich, dass manche Speisen besser schmecken und gelingen, wenn sie auf dem Feuer zubereitet werden. Deshalb steht neben dem italienischen Gasherd ein Holzherd. Beide Herde haben große Backrohre, groß genug für ein Kitz oder ein ganzes Lamm. Anstelle eines Dunstabzugs öffnen wir die Fenster, das schafft auch Luft und schränkt nicht ein.

Freiraum ist mir auch in der Kochbuchsprache wichtig, ohne "man nehme", den Imperativ in der dritten Person. Wenn ein Rezept Vorstellungen über Konsistenz und Geschmack einer Speise zu öffnen vermag, dann spricht es mich an. Lese ich in einem alten Kochbuch, dass "das kochende Wasser nur lächeln soll", dann weckt das Lust und Geist. Kochen ist für mich eine gestalterische Tätigkeit. Die Ästhetik sehe ich mehr im Kochen selbst als beim Anrichten. Man muss nur seine Sinne als Urteilsinstrumente einsetzen. Wie beim Bauen, Wohnen und Einrichten." (DER STANDARD, 26.7.2014)

Renate Breuß, geboren 1956 in Hohenems/Vorarlberg, lebt mit ihrem Mann Peter Sparr und zwei Katzen in Rankweil. Die promovierte Kunsthistorikerin ist seit 2008 Geschäftsführerin der Kooperative Werkraum Bregenzerwald. Die 85 regionalen Handwerksbetriebe sind die innovative Ergänzung zu moderner Vorarlberger Architektur. An der Fachhochschule Vorarlberg lehrt Breuß Designgeschichte und Designtheorie. Die Gedanken der leidenschaftlichen Köchin zu historischen Kochrezepten sind in ihrem Buch Das Maß im Kochen nachzulesen.

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werkraum.at

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