Das Lied mit dem Quietsche-Entchen

25. Juli 2014, 13:15
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Am Donnerstag startete das Popfest Wien. 60 Acts sollen beweisen, dass heimische Musik zwar nicht auf Ö3, aber auf FM4 gespielt wird

Wien - Der historisch bedeutendste musikalische Beitrag zum Thema Gummiente dürfte aus der "Sesamstraße" stammen. Verantwortlich dafür zeichnet der zum Kotzen nette Bernie, der dafür verantwortlich ist, dass er einer ganzen Generation von Kindern den Spaß raubte, weil er dauernd behauptete, dass unangenehme Dinge wie Waschen oder Zähneputzen Spaß machen. Dieses Gute-Laune-Ekel, das im wirklichen Leben von den anderen Kindern mehr als einmal eine wegen seiner zuvorkommenden Unerträglichkeit fangen würde, sitzt also in der Badewanne. Dort stellt uns der Warmduscher 1986 seinen besten kleinen Freund vor. Es handelt sich um das Quietsche-Entchen: "Oh, Quietsche-Entchen, nur mit dir/ plansche ich so gerne hier/ Quietsche-Entchen, ich hab' dich so furchtbar lieb! Bobobobidu ..."

Viele Musiker, die heuer auf dem Popfest Wien mittlerweile in der fünften Saison so herumspielen, dürften mit dem knallgelben, fünf Meter hohen, im Teich im Karlsplatz neben der Hauptbühne herumschwimmenden Badewannenköder also noch mittelbar vertraut sein. Und eigentlich passt das Quietsche-Entchen 2014 auch wie die Faust (aber eh eine liebe!) aufs Auge zum hinter der Karlskirche beheimateten Sender FM4, der das Popfest seit Wochen tatkräftig mit Quietsche-Entchen-Liedern bewirbt und nun mit dem Quietsche-Entchen selbst Werbung für sich macht. Es ist sehr nett hier. Am Teich sitzen auch liebe Omas und essen guten Krümelkuchen und schauen sich die lieben jungen Leute an. Wenn jetzt jemand die akustische Gitarre oder Bongotrommeln auspackt oder mit seinen mitgebrachten Kindern ringelreia tanzt, schreie ich! Wo, bitte, geht es hier zum nächsten satanistischen Geheimritual mit menschenverachtender Metalmusik?!

Das heurige Popfest startet am frühen Abend mit der steirischen Band Viech. Die klingen so, als ob hippe, aus Nordrhein-Westfalen nach Berlin-Kreuzberg zugezogene Vollbartträger aus ihrer Verehrung für Hubert von Goisern kein Geheimnis machen. Grundsätzlich ist das Missverständnis in der Musik eine der segensreichsten Möglichkeiten, dem Trott des Einerlei zu entkommen. Andererseits hat sogar der steirische Kollege Andreas Gabalier mehr österreichischen Akzent vorzuweisen als Viech. Das irritiert. Irritation ist grundsätzlich auch gut, aber.

Die Big Band SK Invitational ist als Begleitband von Problemkindern gebucht. Auf der Hauptbühne ist Hip-Hop-Abend mit dem iranisch-österreichischen Rap-Superstar Nazar. Der ist allerdings mehr in Deutschland ein Held, deshalb ist auch hier nicht zu hören, dass diese Musik eigentlich aus der Wiener Vorstadt kommt. Er geht als höflichere Ausgabe von Bushido mit den handelsüblichen Angeber-, Bekenntnis- und Dicke-Hose-Raps nicht den vollen Weg ins Klischee. Warum er sich aber vom Quietsche-Entchen so bedroht fühlt, dass er gleich zwei Bodyguards auf der Bühne braucht, ist ein wenig schwer nachzuvollziehen. Zuvor machte die Wiener Poetry-Slammerin und Rapperin Yasmo ebenfalls mit Big Band und manchmal ein wenig im Dissonanten schwimmenden Blechbläsern auf sehr selbstbewusst-sympathische Art (und der Sprache ins Hochdeutsche synchronisierter TV-Serien) klar, dass man dem Hip-Hop manchmal etwas Luft aus der Hose lassen muss. Warum nur müssen diese Leute immer daherkommen wie böse schauende Buben auf dem Kindergartenspielplatz, die sich gleich einmal eine Marlboro ins Gesicht werfen?

Das Popfest geht noch bis zum Sonntag und wird insgesamt 60 heimische Acts präsentieren. Der Abschluss findet in der Karlskirche statt. Sie muss danach nicht neu geweiht werden. Quietsche-Entchen ist leider zu dick, um reinzukommen. (Christian Schachinger, derStandard.at, 25.7.2014)

  • Popfest Wien 2014. Wir alle dienen dem Entchen.
    foto: apa/hochmuth

    Popfest Wien 2014. Wir alle dienen dem Entchen.

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