Syrischer Sturzbach im Libanon 

Video26. Juli 2014, 12:00
16 Postings

In aufgelassenen Einkaufszentren oder Gewächsplantagen leben die Flüchtlinge, die es in den Libanon geschafft haben.Täglich kommen tausende Neue hinzu

Beirut - Noch bevor sich die Türen des Busses vollständig geöffnet haben, stinkt es. Nach Fäkalien, nach abgestandenem Wasser und nach Müll, der in der Hitze vor sich hingärt. Auf den Stufen vor dem ehemaligen Einkaufszentrum sitzen ein paar Erwachsene, umringt von dutzenden Kindern.

Einige der Buben hantieren mit Plastikpistolen. Ein Anblick, der in Europa vielleicht aufregt, wirkt in dieser Umgebung schauderhaft. Diese Kinder spielen Krieg nicht nach, sie haben ihn selbst erlebt.

Von dem Einkaufstempel ist bis auf den gelben Schriftzug über dem Eingang nicht mehr viel übrig. "al-Waha Commercial Complex" prangt auf der weißen Fassade. Aber Geschäfte gibt es hier keine mehr. Vom Erdgeschoß bis unters Dach haben Flüchtlinge sich hier in den ehemaligen Shops eingemietet. Die Besitzer von alWaha machen damit mehr Umsatz als vorher.

Das Gebäude liegt auf einem Hügel, etwas außerhalb der nordlibanesischen Stadt Tripoli. Homs, das während des seit drei Jahren andauernden syrischen Bürgerkriegs in Schutt und Asche gelegt wurde, ist nicht einmal 90 Kilometer entfernt.

Wie viele Menschen in al-Waha Unterschlupf gefunden haben, weiß niemand so genau. "Wahrscheinlich tausend", sagt eine Mitarbeiterin der lokalen Caritas.

Im Innenhof wischen Frauen emsig den Fliesenboden. Trotz ihrer Bemühungen ist es immer nass. Wer in den oberen Stockwerken wohnt, muss sich das Wasser in Eimern aus dem Erdgeschoß holen. Für die Kinder sind die Eimer zu schwer, das Wasser schwappt über und vermischt sich mit den Essensresten.

Über den Hof und die Gänge spannen sich unzählige Satellitenkabel und Stromleitungen. Sohayla wohnt seit eineinhalb Jahren mit vier Kindern, ihrem Mann und einer zweiten Familie im dritten Stock. Zu neunt teilen sie sich einen Shop, getrennt durch Holzplatten. Im Vergleich zu den meisten anderen Familien in al-Waha wohnen sie komfortabel, das heißt: Sie haben ein Fenster und eine eigene Toilette.

Doch Sohayla freut sich nicht über diese Extras. "Wir können uns das eigentlich nicht leisten. Aber alle anderen Stockwerke sind voll", erklärt sie. 250 Dollar müssten die beiden Familien für den Raum bezahlen. Während sie von ihrem Leben im Libanon erzählt, davon, dass ihr Mann keine Arbeit findet, füllen sich ihre Augen mit Tränen: "Ich will gar nicht hier sein. Unser Leben in Syrien war einfach, aber paradiesisch."

derstandard.at/herrnböck

Gefälschte Plastikplanen

Wer keinen Platz mehr in Al-Waha ergattert hat, versucht es an der Außenwand. Seit einigen Wochen stehen ein Dutzend selbstgezimmerte Behausungen rund um das Einkaufszentrum. "Aber die Behörden waren schon da. Nach dem Ramadan wird alles abgerissen", erzählt Ahmed.

In der Hoffnung, geduldet zu werden, hat er über die Bretter seiner Hütte eine hellblaue Plane mit dem Logo des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) gezogen. Es wird ihm nichts nützen: Die libanesische Regierung erlaubt keine Zeltstädte. Auch das UNHCR darf keine errichten. Wegen der Platznot werden mancherorts provisorische Zelte geduldet. Sie dürfen keine Wände haben. Mehr als 1300 dieser illegalen Lager soll es mittlerweile geben.

Vor zwei Jahren ist Ahmed mit seiner Frau Fatima aus Hama geflohen. Seither ziehen sie alle paar Wochen mit ihren drei Kindern um. Die jüngste Tochter ist fünf Monate alt. Sie schläft in einem modernen Babybett, dem einzigen Möbelstück der Familie. Es war ein Geschenk einer Libanesin.

Kein Geld für den Arzt

Das Baby hat seit Monaten Durchfall. Der Arzt hat ihm spezielle Zusatznahrung verschrieben und gemahnt, Bluttests machen zu lassen, das Baby sei schwer krank. Weder für das eine noch das andere reicht das Geld. Der erste Arztbesuch kostete 350 Dollar, die Babynahrung 62 Dollar im Monat. Ahmed weint.

Arbeit finden die Männer kaum.

Das UNHCR musste Ahmed - so wie vielen Zehntausend anderen Familien - die Essensgutscheine streichen. Erst ein Drittel der benötigten Mittel wurde von der Staatengemeinschaft in den Hilfsfonds eingezahlt. Täglich kommen neue Flüchtlinge dazu. 700.000 Syrer registrierte das UNHCR im Vorjahr, 1,2 Millionen sind es jetzt. Aus dem anfänglichen Rinnsal ist ein Sturzbach geworden.

Der Wohnraum im Libanon ist so rar geworden, dass die Flüchtlinge überall Unterschlupf suchen. In Gewächszelten außerhalb von Beirut haben sich zwölf Familien eingemietet. Unter den Planen drückt die Hitze, doch im Winter wird es zu kalt sein, dann müssen sie weiterziehen.

Wie viele Menschen das kleine Land noch aufnehmen kann, wagt keiner zu fragen, ebenso wenig, wie lange sie bleiben dürfen. Der Libanon hat die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet - theoretisch kann jeder abgeschoben werden. Alle scheinen den Atem anzuhalten. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 26./27.07.2014)

Ansichtssache: Hunderte Syrer leben in Einkaufszentrum

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise in den Libanon wurde von der Bawag PSK, einer Sponsorin der Caritas, kofinanziert.

  • Ein Symbol für die Versorgungsnot der Flüchtlinge: Vor dem Gewächshaus, in dem diese junge Syrerin mit ihrer Familie lebt, türmen sich leere Obstkisten.
    foto: herrnböck

    Ein Symbol für die Versorgungsnot der Flüchtlinge: Vor dem Gewächshaus, in dem diese junge Syrerin mit ihrer Familie lebt, türmen sich leere Obstkisten.

Share if you care.