USA steuern auf Zinsüberraschung zu

24. Juli 2014, 17:12
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Studie: US-Notenbank könnte Geldpolitik früher straffen - Kapazitäten ausgelastet

Washington/Wien - "Slack" oder kein "Slack", das ist hier die Frage. Die Zentralbanker der US-Fed stehen laut Jörg Angelé an einem Scheideweg. Der Grund: Die Überkapazitäten in der Wirtschaft, im ökonomischen Jargon gerne "Slack" genannt, sind viel geringer, als sie durch aktuelle Modelle geschätzt werden, argumentiert Angelé, US-Analyst bei der Raiffeisenbank International, in einer Studie, die dem Standard vorliegt.

Demnach unterschätze die US-Notenbank aktuell die Inflationsgefahren und werde früher als gedacht die Zinsen erhöhen müssen. Im Markt rechnen Investoren laut Umfragen erst im Sommer 2015 mit der ersten Zinserhöhung, laut dem Raiffeisen-Analysten müsste die Fed schon ein halbes Jahr früher reagieren. Das könnte an den Finanzmärkten zu Verwerfungen führen. Bei einer Überraschung im Vorjahr, als die Fed früher als erwartet die Anleihenkäufe drosselte, löste das Währungskrisen in Schwellenländern aus.

Volkswirt Angelé hat sich für seine Analyse verschiedene Kennzahlen angesehen, mit denen sich messen lässt, ob die Wirtschaft ausgelastet ist oder nicht. Warum ist das wichtig? Wenn die US-Volkswirtschaft bereits an ihre Kapazitätsgrenzen kommt, könnte das den Lohndruck erhöhen und so zu einer höheren Inflation - und steigenden Zinsen - führen.

Die Tücke mit der Lücke

Ökonomen bei Zentralbanken wie der Fed nutzen gerne die Produktionslücke, um zu schätzen, ob noch wirtschaftliche Ressourcen ungenützt sind. Sie gibt an, wie stark die Produktion der Wirtschaft unter ihrem theoretischen Potenzial liegt. Damit soll sie eine Annäherung dafür liefern, wie viele Arbeitskräfte oder Fabriken unausgelastet sind. Doch diese Kennzahl ist laut Angelé "sehr anfällig für Fehler", denn viele Variablen müssen dafür geschätzt werden. So hatte die Fed auch zwischen 2001 und 2004 die Auslastung unterschätzt. "Daher blieb die Geldpolitk zu lange zu locker", so der Raiffeisen-Analyst. Das habe zu den Aktien- und Immobilienblasen beigetragen. Aktuell rechnen die Fed-Ökonomen immer noch mit einer großen Lücke.

Doch laut den jüngsten Daten des Arbeitsmarktes gibt es kaum mehr ungenutzte Kapazitäten. Die Arbeitslosenrate ist bereits auf 6,1 Prozent gefallen. "Am Arbeitsmarkt zeigt sich, dass die US-Volkswirtschaft viel stärker ausgelastet ist, als die Fed annimmt", sagt Ökonom Angelé. Erst am Donnerstag zeigten neue Daten, dass die Neuanträge für Arbeitslosenhilfe auf den niedrigsten Stand seit acht Jahren gefallen sind.

Ein Gegenargument der Fed-Chefin Janet Yellen war bis dato die niedrige Beschäftigungsquote. Viele US-Amerikaner sind in der Krise aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden, daher unterschätze die Arbeitslosenrate die Produktionslücke, so der Gedankengang in Washington. Laut Angelé und US-Ökonomen wie Martin Feldstein ist die niedrigere Beschäftigungsquote aber auch Ausdruck des demografischen Wandels. Damit entfällt ein weiteres Argument gegen steigende Zinsen. (sulu)

(sulu, DER STANDARD, 25.7.2014)

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