Ferialjobber als Billigkräfte

25. Juli 2014, 06:54
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Jugendliche unter größerem Zwang, Geld zu verdienen

Wien/Linz - Rund 100.000 Schüler gehen pro Jahr in den Ferien für meist vier Wochen arbeiten, schätzt die Arbeiterkammer (AK) - knapp die Hälfte der rund 228.000 Oberstufenschüler liegt in den Sommerferien also nicht nur auf der faulen Haut. Eine Win-win-Situation ist dies aber nicht unbedingt. Nicht alle Schüler ergattern wie Albert (Porträt rechts) einen sehr gut bezahlten, wenn auch harten Job.

Der übliche Verdienst liegt laut AK zwischen 700 und 1000 Euro, und auch dafür müssen Jugendliche nicht selten kämpfen. "Jedes Jahr gibt es Probleme, weil etwa Überstunden nicht ausbezahlt werden", erklärt Johann Kalliauer, Präsident der AK-Oberösterreich. Oder aber Betriebe wollten mit "handgestrickten Vergütungen" die Ferialarbeit entlohnen, obwohl auch hier die Kollektivverträge gelten.

Dass die AK hier den "moralischen Zeigefinger" erhebt, kann Bernhard Heinzlmaier, Leiter des Instituts für Jugendforschung in Wien, nicht verstehen. Schließlich habe die AK, als Sozialpartner Teil der Politik, diese Situation geschaffen, etwa mit Fehlentscheidungen in der Frage der Berufspraktika: Berufsbildende Schulen und Fachhochschulen wurden nicht in die Verantwortung genommen, auch Plätze bereitzustellen oder die Jugendlichen zu betreuen. "Sie werden einfach einem deregulierten Markt, dem Spiegel des Zufalles, überlassen", moniert Heinzlmaier. Dem Unternehmer könne man nicht vorwerfen, dass er Arbeiter zu billigen Marktpreisen nehme.

Prekäre Verhältnisse

Nicht besser sieht der Jugendforscher die Lage bei den Ferialjobs. Bis vor Jahren arbeiteten die Oberstufenschüler in den Ferien in der Regel deshalb, um anschließend für einen Monat mit dem Interrail-Ticket der Bahn durch Europa zu reisen. Das heißt, es gab für den Großteil keinen ökonomischen Druck. Heute hingegen bräuchten viele das Geld, um ihre Berufsausbildung finanzieren zu können, und legten einen Bausparvertrag an, sagt Heinzlmaier - auch das sei ein Resultat des "Systems Vermarktung". Als Beispiel nennt er die Aufnahmetests an Hochschulen. So investieren Schüler Hunderte von Euros allein in die Vorbereitungskurse für die Medizin-Aufnahmetests.

Der Zwang zum Geldverdienen setzt sich an der Uni fort. Laut der Studierenden-Sozialerhebung von 2011 sind 63 Prozent aller Studierenden an österreichischen Universitäten berufstätig - Tendenz steigend. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 25.7.2014)

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