Ein Hoch auf Horn und Co

24. Juli 2014, 17:40
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Die Wiener Philharmoniker mit Reger und Bruckner

Salzburg - Krieg am Ende der Zeiten: Von einer Wüste, "wo nicht Leben mehr ist, nur Kampf losgelassener Kräfte um erneuertes Sein" berichtet Friedrich Hebbel in seinem Gedicht Seele, vergiss sie nicht. Der Komponist Max Reger macht in seinem Requiem op. 144 für Solostimme, Chor und Orchester daraus wohl ein fulminantes akustisches Armageddon, entfacht aber dennoch nur einen Sturm im Wasserglas: Das "Hebbel-Requiem" dauert kaum eine Viertelstunde. Die Salzburger Festspiele haben dafür aufgeboten: die Wiener Philharmoniker und den Wiener Singverein in Bataillon-Stärke und bester Kampfeslust, Daniel Barenboim und Plácido Domingo.

Der Solist hat genau drei Mal zwei Zeilen zu singen: "Seele, vergiss sie nicht, Seele vergiss nicht die Toten." Nur ein ausgewachsener Charismatiker wird sich mit diesen still mahnenden Einwürfen ins Chaos Gehör verschaffen.

Aber dann! Wie aufregend und zum Atemanhalten spannungsvoll musiziert war die Symphonie Nr. 4 Es-Dur von Anton Bruckner. Diese Romantische war alles andere als ein zum Abwinken bekanntes Repertoirestück! Wiener Pauken und Trompeten und sonstige Werkzeuge der Klanglegendenbildung scheinen Verstärkung bekommen zu haben. Mit welchem Dämpfer haben die Streicher gleich zu Beginn das geheimnisvolle Tremolo unter dem leitmotivischen Hornruf hingekriegt? So leise, so intensiv, so präsent. Oder am anderen Ende des Lautstärkenreglers: Wie viele Meter zusätzlichen Rohres wurden für den satten Sound im Scherzo an Basstuba und Co montiert?

Die kleinen Flötensoli oder das traumverloren schon gestrichene Bratschenthema im wiegenden Andante: Augenblicke, in denen ein Fenster zum Himmel offensteht. Und erst das monumentale Finale: Barenboim und die Wiener ließen die Spannung in sich auftürmenden Wellen wie ein Hochwasser emporsteigen.

Am Anfang dieses ersten Konzerts der Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen 2014 standen Mozarts Maurerische Trauermusik und eine Gedenkminute für die Opfer der Kämpfe im Gazastreifen. (klaba, DER STANDARD, 25.7.2014)

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