Bessere Jobchancen für Menschen mit Behinderung

27. Juli 2014, 13:57
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Die Chancen am Arbeitsmarkt haben sich für Menschen mit Behinderung verschlechtert. Wie können die Chancen verbessert werden? Sozialunternehmer Klaus Candussi zeigt, wie es geht

In der Vorwoche hat der starke Anstieg (ein Plus von fast 30 Prozent) der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung zu großer Diskussion über wirksame Maßnahmen geführt. Behindertenanwalt Erwin Buchinger tritt für eine Verschärfung des Behinderteneinstellungsgesetzes ein. Die Lockerung des Kündigungsschutzes habe nicht geholfen, deshalb soll dieser wieder nach sechs Monaten und nicht wie derzeit nach vier Jahren greifen.

Mehr zahlen?

Der Behindertenanwalt will zudem die Ausgleichstaxe, die Betriebe pro nicht eingestelltem Behinderten zahlen müssen, verdoppeln oder verdreifachen, von derzeit 244 bis 364 Euro auf bis zu 1100 Euro pro Monat. Mit den zusätzlichen Einnahmen sei es dann möglich, die Prämien im Gegenzug zu stärken und auf bis zu 1000 Euro pro Monat anzuheben.

Die Wirtschaftskammer (WKO) lehnt eine Erhöhung der Ausgleichstaxe ab, hieße aber höhere Förderungen (Prämien) willkommen. Die steigende Arbeitslosenrate bei den Betroffenen führt die WKO auf die Wirtschaftskrise zurück. Dabei: Die 64-prozentige Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung sei international gesehen hoch.

Viele Betriebe möchten einem Menschen mit Behinderung einen Job geben, auch um sich die Ausgleichstaxe zu ersparen, finden aber keine geeigneten Kandidaten, so Rolf Gleißner aus der Sozialpolitik der WKO.

Wo der Schuh drückt

Die Wirtschaftsflaute, sagt Klaus Candussi, mache ihm in seiner Arbeit nicht zu schaffen. Eher die Förderpolitik von Bund und Land: da wolle man Vereinheitlichung im Kurssystem zwecks Integration Behinderter in die Arbeitsmärkte. Das funktioniere aber nicht. "Unser Erfolg ist die hochindividualisierte Betreuung. Wir stellen fest: Was können die Leute und wo wollen sie hin, dann gibt es maßgeschneiderte Module.“ Erfolg heißt: In den vergangenen 13 Jahren seit Gründung von atempo konnten 130 Menschen mit Behinderungen in Langzeitarbeitsverhältnisse gebracht werden.

Exporterfolg

Die hauseigene, TÜV-zertifizierte Übersetzungsmethode komplizierter Texte in verständliche Sprache, "capito“, und das Evaluierungskonzept für Behindertengerechtheit von Wohn-, Ausbildungs und Werkstättenhäusern, "nueva“, sind mittlerweile auch im Social Franchisesystem bei 13 Partnern in Österreich und Deutschland gelandet.

Candussi, der atempo gemeinsam mit Walburga Fröhlich in der Steiermark in die Welt gebracht hat, ist daher aus eigener sozialunternehmerischer Erfahrung für höhere Solidarbeiträge (Ausgleichstaxen) der Firmen. Diese als "Strafzahlung“ zu betiteln betrachtet er als kontraproduktiv. Mehr Geld in besser gefülltem Solidartopf könne wesentliche Integrationsforschritte bringen, weil damit wieder „hochindividualisierte, bedarfsgerechte Betreuung möglich wird“.

Aus alten Mustern raus

Als ein Beispiel solcher Erfolge führt er etwa die Wege von Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistigen Einschränkungen in einen Job als Lagerverwalter an: "Früher hat man gesagt: geistig Behinderte können ja nur den Hof kehren. Heute können wir zeigen, dass sie ihren Weg durch den ganzen europäischen Computerführerschein machen und so ganz andere Arbeitsmöglichkeiten haben.“

In den meisten Fällen zentral sei auch die individuelle Arbeit an "Primärtugenden“, so Candussi: Da die Klienten überwiegend in Behinderteninstitutionen sozialisiert seien, müsse etwa die Haltung zur Arbeit behandelt werden. Oder Smalltalk im Büro, das Wie des Umgangs mit Vorgesetzten und Kollegen, kurz: Die Begleitung für das neue soziale Umfeld sei ein großer Erfolgsfaktor.

Passend – für länger

Schließlich ergebe es ja keinen Sinn, ausschließlich Einstellungsquoten anzusehen – vielmehr gehe es ja um langfristige Verweildauer. Die wiederum erreicht Candussi durch permanente Nachbetreuung: "Wir gehen ins Unternehmen, schauen und fragen, ob alles passt, ob Nachschulungen benötigt werden.“

Für ihre Arbeit zu Gleichstellung und Gleichberechtigung Behinderter haben Walburga Fröhlich und Klaus Candussi heuer den Staatspreis für Corporate Social Responsibility, Trigos, vom Sozialministerium erhalten. International genießen die beiden schon lange hohe Reputation als Vorbild inklusiver Sozialarbeit – und das Franchisesystem wächst auch kontinuierlich. (Karin Bauer, DER STANDARD, 26./27.07.2014)


  • atempo-Gründer Walburga Fröhlich und Klaus Candussi mit dem Trigos-Preis für das beste Sozialunternehmen.
    foto: dpa

    atempo-Gründer Walburga Fröhlich und Klaus Candussi mit dem Trigos-Preis für das beste Sozialunternehmen.

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