Ein Österreicher über den Kampf gegen Ebola in Sierra Leone

Userartikel28. Juli 2014, 14:01
28 Postings

"Jeder Fehler kann tödlich sein": Wie das Team des Roten Kreuzes gegen Ebola vorgeht

Präzise und genau gibt B. Kamara die Befehle. Handschuhe ausziehen, den Overall öffnen, vorsichtig ausziehen, nur innen berühren. Dazwischen werden immer wieder die Hände desinfiziert. "Nein!", sagt er ruhig, "zuerst die Brille und die Maske runter, erst dann das zweite Paar Handschuhe ausziehen." Es ist der zweite Tag der Ausbildung "meiner Jungs". 14 Leute haben sich freiwillig für das Burial Team gemeldet - es sind Freiwillige von Sierra Leones Rotem Kreuz (SLRC). Ihre Aufgabe wird unter anderem sein: verstorbene Patienten aus dem Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen abholen und begraben.

Die weitaus gefährlichere Arbeit wird die Desinfektion von Verstorbenen sein. Wenn Patienten zu Hause sterben, sind sie stark infektiös. Hier ist besondere Vorsicht geboten.

Eine unbezahlbare Arbeit

Kamara ist einer von zwei neuen Teamleadern. Sie werden für jeweils sieben Leute verantwortlich sein. Unter seiner Anleitung werden Leichen mit Chlor desinfiziert, in Leichensäcke gepackt, begraben, und anschließend wird das Wohnhaus mit Chlor ausgesprüht. Warum er sich das antut, wird er gefragt: "Um Ebola aus Sierra Leone zu vertreiben". Wegen des Geldes macht das hier niemand. Umgerechnet nicht einmal vier Dollar verdient man mit der Arbeit pro Tag. Dafür steckt man mehrere Stunden in einem Ganzkörper-Schutzanzug, schwitzt und hat Angst vor Ebola. Es gibt ein Team, das bereits seit fast zwei Monaten diese Arbeit erledigt.

michael kühnel

"Meine Freunde, die davon wissen, sprechen nicht mehr mit mir, meine Familie hat Angst", meint Momoh, der Teamleader des sehr gut eingespielten Teams. Er hilft den Neuen, so gut er kann. Jeder Fehler im Feld kann tödlich sein. Daher wird jeden Tag das An- und Ausziehen geprobt. Ohne Befehl des Teamleaders geht nichts. Vertrauen ist ein wichtiges Wort hier in Kailahun. Das Team des SLRC vertraut mir, dass ich ihnen die richtige Ausrüstung besorge - alles, was sie brauchen - und sie trainiere. Die Mitglieder vertrauen Kamara, und der muss seinen Leuten vertrauen können.

Wie schützt man seine Lieben?

"Wie können wir uns und unsere Familien schützen?", werde ich gefragt. "Indem ihr ihnen immer wieder sagt, dass ihr nicht infektiös seid, wie man Ebola bekommen kann und dass wir auf euch aufpassen. Ich würde keinen freiwilligen Rotkreuz-Mitarbeiter in Europa in eine solche Mission schicken, wenn ich nicht von seiner Schutzausrüstung und seinem Können überzeugt wäre. Das Gleiche geschieht hier. Ihr werdet alles immer so machen, wie wir es üben, dann kann euch nichts geschehen."

Mehr kann ich nicht sagen. Ich meine jedes Wort so, wie ich es gesagt habe. Trotzdem bleibt das schlechte Gewissen. Ich habe keine Angst, dass ihnen etwas passiert. Ich sorge mich um ihre Reputation, die Freunde, das Privatleben. Das kann ich nicht beeinflussen.

Pause ... Jetzt zeige ich, wie man die Chlorlösung mischt. Das Ebola-Virus ist sehr ansteckend, kann aber mit einer niedrigen Chlordosis unschädlich gemacht werden. Während wir die Cholera in Haiti mit bis zu zwei Milligramm Chlor pro Liter Wasser bekämpft haben, reichen bei Ebola bereits 0,5 Milligramm Chlor pro Liter. "Zehn Liter fasst der Sprayer. Also gebt bitte zehn Esslöffel Chlor hinein."

Meine Warnung, Chlor nur mit Schutzausrüstung anzumischen, und das möglichst im Freien, wird anfangs noch eher belächelt. Spätestens als der erste Tapfere den Chlorbehälter öffnet und den ersten Löffel ins Wasser geben will, glauben es die anderen. Nachdem er nicht nur einen Esslöffel Chlor, sondern auch eine Nase voll Chlor genommen hat, nimmt er Reißaus und gibt den Löffel erst einmal weiter. Er braucht eine Pause.

Danach wird jeder einmal den Sprayer umschnallen und vorsichtig die Wand des Hauses mit Wasser absprühen. So soll jeder ein Gespür für das Gerät bekommen. Alles, was potenziell infektiös ist, muss besprüht werden. Das war dann genug für den Tag.

Wie geht man mit dem Tod um?

Das Team von Kamara hat heute noch einen letzten Punkt. Er und seine Leute werden die Kollegen bei der Arbeit, der Abholung und dem Begräbnis von Leichen, begleiten. So sehen sie, was sie erwartet.

Acht Menschen sind es heute, die beerdigt werden müssen. Nach einstündigem Warten auf den Leichenwagen geht es los. Der Leichenwagen ist gleichzeitig die Ambulance. In ihr werden Tote, Verdachtsfälle und Erkrankte transportiert. Wir müssen also warten, bis sie gerade frei ist.

Kamara bleibt an Momohs Seite, möchte jeden Handgriff erlernen. Ich mag ihn, auch wenn ich ihn bald nicht mehr sehen werde. Es wird für mich Zeit, nach Hause zu gehen. Aber bis dahin versuche ich meinen Kollegen aufzubauen.

Mit viel Respektabstand wird das Verladen der ersten beiden Körper beobachtet. Wir fahren etwa 200 Meter mit dem Wagen. Der erste Friedhof mitten im Dschungel ist mit 16 Gräbern bereits voll. Heute wurde quasi das zweite Teilstück eröffnet. Als wir dort ankommen, haben die "Graber" bereits acht Löcher ausgehoben.

Sie graben niemals mehr als benötigt. Das würde den Tod anziehen, meinen sie. Die ersten beiden Körper werden begraben. Während das Team die nächsten beiden holt, bleiben meine Leute da und warten. Sie reden wenig und schauen nur. Die nächsten beiden Körper sind jeweils elf Jahre alt. Auf den Leichensäcken stehen der Name, die Herkunft, der Todestag und das Alter. Ich bin viel gewohnt, aber auch ich kann mir eine Träne nicht verkneifen, wende mich ab.

michael kühnel
Acht Gräber an einem Tag.

Bereits nach vier Leichen beschließen wir, zu Fuß zum Lager zurückzugehen. Es sind 200 Meter, und wir möchten noch beim ersten Friedhof vorbeischauen, der auf halbem Wege liegt. Es ist still, als wir den Menschen die letzte Ehre erweisen. Katherine ist bei uns. Sie ist die PR-Verantwortliche, die uns einige Tage besucht.

Auch sie ist in ihren Gedanken versunken. Bevor wir gehen, fragt sie mein Team, was sie von alldem halten. Die Leute, die hier liegen, haben vor zwei oder drei Wochen noch in ihrem Dorf gewohnt. Keiner mag wirklich Antwort geben. Einige beten leise. "Es ist unfair!", sagt schließlich jemand. Mehr auch nicht.

Am Ende jedes Begräbnisses werden Gebete vom Team und den "Grabern" gesprochen. Eines für Muslime, eines für Christen. So ist das in Kailahun. Selbst im Tod bleibt man gemeinsam und denkt an alle gleichermaßen.

Und es geht weiter, jeden Tag

Morgen wird wieder ein Tag sein. Es wird wieder ein Training geben. Von Kamaras Team wird einer nicht kommen. Er will nicht mehr mitmachen. Ich verstehe ihn nur zu gut und nehme an, es werden ihm weitere folgen. Ich hoffe, dass "meine Jungs" - die meisten von ihnen sind halb so alt wie ich - in einer Woche gut genug sein werden, um ihre Arbeit aufzunehmen. Ich werde es leider nicht mehr sehen können. Ich bin dann in Wien, einige tausend Kilometer weit weg. Daniel, mein Nachfolger, und Jose, ein Kollege von der WHO, werden das Training weiterführen.

Ich habe sie gebeten, Kamara als Teamleader zu behalten. Er ist gewissenhaft und gut.

Auch ich werde beten, seit langem wieder einmal, und hoffe, dass meinen Jungs bei ihrer schweren Arbeit nichts passiert - irgendwo in Kailahun, wo Ebola zuhause ist. (Michael Kühnel, derStandard.at, 24.7.2014)

Michael Kühnel (38) ist Arzt, einsatzerfahrener Rotkreuz-Auslandsdelegierter und im Bereich der Hygiene und Trinkwasseraufbereitung ausgebildeter Techniker. Seine bisherigen Einsätze führten ihn nach Haiti und Pakistan. Er bloggt von seinem Einsatz in Sierra Leone, wo er als Teil eines internationalen Teams der Ebola-Epidemie Herr werden soll.

Share if you care.