Der komödiantische Journalist

25. Juli 2014, 13:15
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John Oliver behandelt in seiner Comedysendung sperrige Themen wie Netzneutralität - und ist damit äußerst erfolgreich

Er sieht aus wie die Erwachsenenversion von Harry Potter, hat einen britischen Akzent und macht seit April dieses Jahres eine Comedyshow, die Themen behandelt, wie sie jeder Politsendung zur Ehre gereichen würden. Der 37-jährige John Oliver hat, nachdem er sieben Jahre beim Grandmaster of Comedy, Jon Stewart, in die Lehre ging, seine eigene Show: "Last Week Tonight" jeden Sonntagabend um 23 Uhr auf dem privaten Bezahlsender HBO.

Indien, Todesstrafe und die FIFA

Die Sendung dauert eine halbe Stunde und widmet sich einem aktuellen Thema. Nach altbekanntem Rezept entsteht aus dem Zusammenschnitt von gesendeten Beiträgen unterschiedlicher Nachrichtensendungen etwas Neues - Entlarvendes, Erklärendes. Und: Erheiterndes. Bei der Themenwahl konservativ zu sein und auf Erfolge und Zuschauer zu schielen, kann man der Show beim besten Willen nicht vorwerfen. Für die Erstausstrahlung nahm sich das Team rund um Oliver einer der größten demokratischen Unternehmungen weltweit an: der Parlamentswahlen in Indien. In den darauffolgenden Wochen kamen die FIFA und die Weltmeisterschaft in Brasilien, der Einfluss evangelikaler Christen, die Todesstrafe oder das Thema Netzneutralität dran.

In der Schlusssequenz der zuletzt erwähnten Sendung forderte Oliver die Netzgemeinde auf, die Vorschläge der Federal Communications Commission (FCC), der für Netzneutralität in den USA zuständigen Behörde, auf deren Website zu kommentieren. Die hohe Zahl der daraufhin folgenden Kommentare legte die FCC-Website für einige Zeit lahm. Auch die Militärjunta in Thailand fühlt sich von John Olivers pointierten Beiträgen mittlerweile auf den Schlips getreten.

lastweektonight
John Oliver über Netzneutralität.

Auf den ersten Blick mutet der Grundaufbau der Sendung wenig anders als jener der "Daily Show" an, wo der aus einer Vorstadt von Birmingham stammende Oliver seit 2006 als Texter und später als sogenannter "Korrespondent“ im Einsatz war. Die "Daily Show" von Jon Stewart ist eine der erfolgreichsten US-Comedyshows. Auch Stewart scheut keine komplexen Themen, was Oliver zupasskam.

Zu einer seiner Bestleistungen während seiner Zeit bei der "Daily Show" zählt die dreiteilige Serie über die Unmöglichkeit der Regulierung des Waffenbesitzes in den USA. Mit scheinbar harmlosen Fragen und scheinbar naivem Nachhaken entlockte er seinen Interviewpartnern entlarvende Stellungnahmen, ohne diese aber der kompletten Lächerlichkeit preiszugeben. Im vergangenen Jahr vertrat er Jon Stewart für zwölf Wochen - mit Erfolg. Danach kam das Angebot für eine eigene Sendung von HBO.

Was Olivers neue Sendung von der "Daily Show“ unterscheidet, ist, dass hier das aufklärerische Moment im Vordergrund steht. Oliver macht unterhaltsamen Journalismus, Stewart eher journalistische Unterhaltung.

foto: ap photo/hbo
John Oliver, Brite, Komödiant und niemandes Freund.

Es ist auch die Sendeumgebung, die ihm gewisse Freiheiten garantiert. Oliver hat einen Zweijahresvertrag mit Option auf Verlängerung bei HBO, dazu komplette kreative Freiheit und keinen Quotendruck vonseiten des Senders. Michael Lomardo, bei HBO für das Programm zuständig, sagte dem "Hollywood Reporter": "Es ist ausgeschlossen, dass er bei HBO scheitert. Es geht nicht um Zahlen, es geht darum, dass er die bestmögliche Show macht."

Auch wenn es angeblich auf Zahlen nicht ankommt, sie sind gut. Die Erstausstrahlung der Show erreichte 1,1 Millionen Seher. Zum Vergleich: Die aktuelle Folge der Serie "Game of Thrones" kam am selben Abend auf 6,9 Millionen Zuschauer. Der Youtube-Kanal der Sendung hat 464.000 Abonnenten, und die Seherzahlen der einzelnen Videos gehen von mehreren Hunderttausend bis zu mehr als sieben Millionen im Fall der Sendung über die FIFA. Auf Youtube sind alle Folgen der Sendung abrufbar, und es wird auch eigener Web-only-Content dafür produziert.

Niemandes Freund

Oliver selbst beschreibt seinen Job als Komödiant in einem Interview mit NPR folgendermaßen: "Es sollte jedes Mal, wenn ein Journalist einen Raum voller Politiker betritt, eine seltsame Spannung herrschen, weil du in der Vergangenheit Sachen gemacht hast, die sie nerven. Dasselbe gilt für Komödianten. Du bist der Freund von niemandem." (Michaela Kampl, derStandard.at, 25.7.2014)

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