Verfassungsschutz ermittelt nach Angriff auf israelische Fußballer

24. Juli 2014, 14:53
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Randalierer griffen in Salzburg Spieler von Maccabi Haifa an - Keine Festnahmen

Bischofshofen - Ein Testspiel des israelischen Fußballklubs Maccabi Haifa gegen den französischen Erstligisten OSC Lille im Salzburger Bischofshofen ist nach propalästinensischen Ausschreitungen abgebrochen worden. Rund 20 türkischstämmige Jugendliche stürmten am Mittwochabend in der 85. Minute das Feld und attackierten die israelischen Spieler.

"Die Ausschreitungen waren auf den Gaza-Konflikt gerichtet", sagt Ortwin Lamprecht, Sprecher der Polizei Salzburg. In ihren Händen hielten die jungen Männer palästinensische und türkische Flaggen.

Polizei reagierte schnell

Bei dem Freundschaftsspiel waren aufgrund des starken Regens anfangs nur wenige Zuschauer anwesend. Als der Regen aufhörte, kamen immer mehr Zuschauer, darunter auch eine große Gruppe türkischstämmiger Einheimischer zwischen 20 und 25 Jahren.

"Die anwesenden Polizisten reagierten schnell und riefen Verstärkung", sagt Lamprecht. Die Jugendlichen hätten sich zunächst das Spiel angesehen. Fünf Minuten vor Spielende rannte die gesamte Gruppe auf das Spielfeld und griff die israelischen Spieler tätlich an.

foto: imago/panoramic

Laut Polizei wurde niemand verletzt. "Die Beamten konnten die Auseinandersetzungen rasch bereinigen", erklärt Lamprecht. Es seien Streifenpolizisten, Beamte der Schengen-Fahndung und der Cobra vor Ort gewesen. Von einem Großteil der gewaltbereiten Jugendlichen wurden die Personalien aufgenommen, festgenommen wurde niemand. Nun ermittle der Verfassungsschutz, ob ein gerichtlicher Tatbestand vorliege, erläutert der Polizeisprecher. "Ob es zu Verhaftungen kommt, ist noch nicht sicher."

Nach Beendigung der tumultartigen Szenen, in die auch Spieler involviert waren, setzte der Referee das Match aus Sicherheitsgründen nicht mehr fort.

Nach Angaben auf der Haifa-Website wurden die Spieler Idan Vered und Dekel Keinan tätlich angegriffen. Nach dem Abbruch seien Gegenstände auf das Team geworfen worden. In Videos war zu sehen, dass Polizisten und Ordner die Lage beruhigten.

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Maccabi Haifa erklärte gegenüber der Zeitung "Jerusalem Post", der Klub glaube an "Koexistenz und Toleranz". "Wir verurteilen die Gewalt, die gegen uns eingesetzt wurde. Dies geschah nicht wegen Sport oder Fußball, sondern weil wir ein Team sind, das Israel repräsentiert." In seinem nächsten Spiel trifft Maccabi am Samstag auf den deutschen Bundesligisten SC Paderborn.

Der Manager von Maccabi Haifa, Itamar Chiziki, sagte: "Dieser grauenhafte Vorfall ist schwer zu ignorieren." Die Spieler seien sehr wütend und verärgert gewesen. Sie hätten sich gewehrt und verteidigt, nachdem die jungen Männer auf sie losgingen. "Aber heute ist alles vorbei. Wir müssen uns auf den Sport konzentrieren. Die Spieler sind da sehr professionell." Das Team bestehe aus jüdischen, aber auch aus muslimischen und christlichen Spielern.

Die Stadt Bischofshofen distanzierte sich in einer Stellungnahme "mit Vehemenz von den Tätern". Man sei "fassungslos über dieses untragbare Benehmen". Gewalt habe bei sportlichen Veranstaltungen nichts zu suchen und sei ein Armutszeugnis für die Akteure, hieß es in der von Bürgermeister Hansjörg Obinger unterzeichneten Stellungnahme.

"Chaoten, die alles zerstören"

Auch beim Sportklub Bischofshofen ist man entsetzt über die Ausschreitungen. "Im Fansektor gibt es noch immer solche Chaoten, die alles zerstören. Es soll um den Sport gehen und nicht um Randale", ärgert sich Obmannstellvertreter Christian Winkler im Gespräch mit derStandard.at. Im Nachhinein ist Winkler aber froh, dass das Match eine halbe Stunde vorverlegt wurde: "Ich glaube, sonst wären noch mehr Randalierer gekommen. Auf der Straße standen noch einige, die Parolen schrien, aber durch den Gitterzaun nicht hineingekommen sind."

"Karateartige Sprünge"

Winkler berichtet von "karateartigen Sprüngen", mit denen die Randalierer die Spieler attackiert hätten. Während die Spieler aus Frankreich sofort in ihren Kabinen verschwunden seien, hätten sich die Spieler aus Israel versucht zur Wehr zu setzen.

Der Veranstalter des Spiels, die Agentur SLFC, erklärte, dass die Spieler von Maccabi Haifa am Donnerstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen seien. Agenturchef Hannes Empl sagte im Gespräch mit derStandard.at, dass man derzeit Gespräche mit dem Innenministerium führe. In Abstimmung mit dem Ministerium müsse zunächst geklärt werden, wie man bei den anstehenden Spielen des Klubs verfahren werde. Bis dahin würden die Spieler für die Öffentlichkeit nicht erreichbar sein.

Innenministerium verteidigt Sicherheitsmaßnahmen

Ein Sprecher des Innenministerium erklärte im Gespräch mit derStandard.at, dass ausreichende Sicherheitsmaßnahmen im Vorfeld des Spiels getroffen worden seien. Das sei dadurch dokumentiert, dass niemand verletzt wurde. Man könne "politischen Protest nicht im Keim ersticken, bevor er formuliert wurde". Es sei zudem nicht die Aufgabe der Polizei, "politischen Aktivismus" zu verurteilen.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) verurteilte die Vorfälle in einer Aussendung auf das Schärfste. "Konflikte aus anderen Ländern nach Österreich zu tragen ist absolut inakzeptabel", sagte Mikl-Leitner. "Ich habe immer betont, dass die Grenze zwischen der Gewalt der Worte und körperlicher Gewalt fließend ist. In Bischofshofen wurde diese Grenze mehr als überschritten."

Fischer: "Kein Platz für Gewaltaktionen"

Bundespräsident Heinz Fischer hat die Ausschreitungen "in aller Schärfe" verurteilt. "Wir müssen gerade auf diesem Gebiet den Anfängen wehren und unmissverständlich klarstellen, dass für Gewaltaktionen mit nationalistischem und anti-israelischem Hintergrund in Österreich kein Platz ist", sagte Fischer am Donnerstag.

Faymann veruteilt Übergriffe

"Die gestrigen Vorfälle beim Testspiel in Bischofshofen sind auf das Schärfste zu verurteilen. Gäste, die sich in Österreich aufhalten, haben das Recht, das in Sicherheit zu tun; unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer religiösen Zugehörigkeit", erklärte Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) in einer Aussendung am Donnerstag.

Österreich stehe für den respektvollen Umgang aller Religionen miteinander. "Übergriffe auf Sportler, die ihre Saisonvorbereitung in Österreich absolvieren, sind absolut nicht zu tolerieren", wurde Faymann zitiert.

Als "Skandal" bezeichnete FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache die Vorfälle in einer Aussendung und forderte eine genaue Untersuchung. "Österreich ist ein neutrales Land, das eine geschichtliche Verantwortung gegenüber Israel hat und daher besonders sensibel mit antisemitischen Vorfällen wie diesem umgehen muss", wurde Strache zitiert. Die Vorfälle seien außerdem ein "Tiefpunkt der gescheiterten Integrationspolitik von Rot, Grün und Schwarz".

Antisemitismus offenbar alltägliche Realität

Grünen-Chefin Eva Glawischnig zeigte sich betroffen. "Antisemitismus ist offensichtlich noch immer alltägliche Realität, der nun unter dem Vorwand des aktuellen Nahostkonflikts neue Nahrung bekommt. In unserer Gesellschaft darf Judenfeindlichkeit keinen Platz haben - nicht in einem europäischen Land und schon gar nicht in Österreich", teilte sie in einer Aussendung mit.

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) hob in seiner Stellungnahme hervor, dass das Zusammenleben diverser Religionsgruppen in Österreich bis jetzt gut funktioniere; das sei ein langer und schwieriger Weg, der nicht gefährdet werden dürfe. "Österreich steht für einen respektvollen Umgang zwischen allen Religionsgruppen sowie den Schutz und die Förderung der Religionsfreiheit", so Kurz.

Ähnlicher Vorfall am Dienstag in Dortmund

Bei den Vorfällen in Bischofshofen handelt es sich nicht um den ersten Zwischenfall dieser Art. Am Dienstag wurde ein Gastspiel des israelischen Klubs Maccabi Netanya in der deutschen Stadt Dortmund von 14 Neonazis aus dem Umfeld der Partei "Die Rechte" gestört. Die Neonazis hätten antisemitische Parolen gebrüllt, berichtete die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" am Mittwoch. Die Veranstalter des Spiels seien jedoch vorbereitet gewesen: Ein Sicherheitsdienst und die Polizei waren anwesend und verwiesen die Mitglieder der Partei des Platzes. (burg, ruep, cmi, derStandard.at, 24.7.2014)

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