Österreicher fühlen sich ärmer, als sie sind

25. Juli 2014, 09:38
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Die Ungleichheit wird hierzulande massiv überschätzt. Es gibt deutlich weniger Arme und Reiche, als die Menschen glauben

Die Menschen verarmt, die Mittelschicht längst zerbröselt: Geht es nach den Österreichern, steht es nicht gut um ihr Land, wie eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt. Mit der Realität hat das freilich wenig zu tun. Nahezu jeder zweite Österreicher glaubt, dass die Ärmsten die größte Gruppe an Menschen im Land sind. In Wahrheit finden sich die meisten aber in der Mitte, zeigt die Studie der Ökonomin Judith Niehues. Oben in der Verteilung zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Österreicher ordnen der Gruppe der Reichen deutlich mehr Menschen zu, als dort in der Realität zu finden sind.

grafik: derstandard.at, quelle: judith niehues/iw köln

Für die Studie nutzte die Ökonomin Befragungen. Dabei wurden den Menschen fünf Pyramiden vorgelegt. In der ersten Pyramide sind die meisten Menschen unten, in der letzten sammeln sie sich oben. 44 Prozent der Österreicher sehen entweder die erste oder die zweite Pyramide als für ihr Land zutreffend, sehen die meisten Menschen also unten.

grafik: judith niehues/iw köln

Niehues hat dann genau so eine Pyramide aus der wirklichen Einkommensverteilung gebastelt. Stellt man die Ergebnisse einander gegenüber, zeigen sich in ganz Europa große Lücken zwischen Wahrnehmung und Realität. Überall wird die Ungleichheit größer eingeschätzt, als sie wirklich ist. Am besten können sich demnach die Schweizer einschätzen. Deutschland hat eine ähnliche Einkommensverteilung wie die Schweiz, schätzt sie aber viel ungleicher ein, genau wie Österreich.

Als einziges nichteuropäisches Land hat Niehues die USA als Referenz hinzugefügt. Dort ist es umgekehrt: Die Menschen schätzen die Verteilung viel gleicher ein, als sie wirklich ist. Das erklärt auch, warum viele Arme in den USA an den sozialen Aufstieg glauben, obwohl Statistiken zeigen, dass sie im Vergleich mit anderen reichen Ländern viel geringere Chancen haben.

Vergleich plausibel

In der Studie vergleicht Niehues eigentlich Äpfel mit Birnen. Unter einer Gesellschaftsform können Menschen viel verstehen. Dabei können auch Vermögen eine Rolle spielen, Macht, Netzwerke und Einfluss. Dessen ist sich die Ökonomin auch bewusst: "Ganz kann man das nicht von der Hand weisen", sagt sie im Gespräch mit derStandard.at. Sie habe in ihrer Arbeit aber festgestellt: Es macht im Prinzip keinen Unterschied. Wenn jemand abstrakt von einer Gesellschaftsform spreche, würde er insgeheim sehr stark an Einkommen denken.

Viele haben aber nicht nur mit der Einschätzung der Einkommensverteilung Probleme. Aus dem letzten Sozialbericht geht hervor, dass sich 75 Prozent der Österreicher der unteren Hälfte der Vermögensverteilung zuordnen. In den oberen 20 Prozent sehen sich nur etwa drei Prozent der Menschen. (Andreas Sator, derStandard.at, 25.7.2014)

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