Frankreich: "La Petite Jérusalem" im Griff der Angst

Reportage23. Juli 2014, 22:46
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Sarcelles war bekannt für sein buntes Völkergemisch. Jetzt greift die Gewalt des Nahost-Konflikts auf die Pariser Vorstadt über

Sarcelles tut, als habe sich nichts verändert. Es ist Markttag, sogar Zirkustag: Ein Laster wirbt zu flotter Blasmusik für die nächste Vorstellung des Cirque de Paris. Im mitgeführten Käfig betrachtet ein Löwe müde die Banlieue-Szenerie.

Aber die Passanten achten nicht darauf. Schnellen Schrittes gehen sie am Einkaufszentrum Les Flanades vorbei, wo ein beißender Rauchgeruch in der Luft hängt. An der Stelle der Apotheke klafft ein schwarzes Loch. Am Sonntag hatten vermummte Jugendliche hier Feuer gelegt. Die Pizzeria ist mit Holzbrettern vernagelt, der Lebensmittelladen Naouri eine Ruine. Die Randalierer leisteten ganze Arbeit. Gezielte Arbeit: Alle Besitzer sind Juden. Einem christlichen Türken wurde außerdem der Tabakladen geplündert.

Kreative Spannung zwischen Orthodoxen und Liberalen

Das ändert alles in Sarcelles. Ein halbes Jahrhundert lang hatten hier an die 100 Nationalitäten friedlich zusammengelebt. Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 waren zehntausende Nordafrikaner nach Sarcelles nördlich von Paris geströmt - darunter ein Drittel jüdische Sepharden, ein Drittel muslimische Maghrebiner. Schachbrettartig wurden Wohnblocks auf den Feldern errichtet; die Bevölkerungszahl schoss in einem Jahrzehnt von 8000 auf über 50.000 hoch. Ab 1995 sorgte ein gewisser Dominique Strauss-Kahn als Bürgermeister für wirtschaftlichen Aufschwung.

Das jüdische Viertel von Sarcelles, "La Petite Jérusalem" genannt, lebt, wie ein gleichnamiger Spielfilm von 2005 zeigt, noch heute von der kreativen Spannung zwischen Orthodoxen und Liberalen. "Mit Israel verbunden sind wir ausnahmslos alle", sagt Georges Haddad, Ehrenpräsident des Fußballclubs Maccabi Sarcelles. "Wenn im Sommer eine El-Al-Maschine von Paris-Roissy nach Ben Gurion abfliegt, sind unter den 300 Passagieren regelmäßig hundert aus Sarcelles." Israel ist für sie nicht nur gelobtes Land, sondern auch Ersatz für das verlorene Marokko, Algerien oder Tunesien. Kritiker an der aktuellen Politik Israels sucht man hier vergeblich.

Demo verboten

Letzte Woche tauchten an den Bushaltestellen um Klein-Jerusalem böse Flugblätter auf: "Kommt ausgerüstet! Granatwerfer, Feuerlöscher, Schlagstöcke. Besuch des jüdischen Viertels!"

Zuvor hatten Pro-Palästinenser und die Linksparteien - die im Nachbarort Stains ein Großporträt des Fatah-Führers Marwan Barghuti am Rathaus befestigt hatten - zu einer Anti-Israel-Demo aufgerufen. Die Polizei untersagte sie wegen der Flugblätter, die Schläger kamen trotzdem. Sie steckten Autos, Abfallcontainer und zahlreiche Geschäfte in Brand, zertrümmerten öffentliche Einrichtungen, verletzten Polizisten.

Dann nahmen sie Kurs auf die wichtigste Synagoge. Die Einheiten der Bereitschaftspolizei waren in der Stadt unterwegs, um den Brandstiftern nachzujagen. "Da boten wir 200 unserer eigenen Burschen auf", erzählt David Haik, ein jüdischer Toningenieur, der in der Nähe wohnt.

Warten auf Krawallmacher

"Sie stellten sich mit Stöcken bewaffnet vor die Synagoge und stimmten die Marseillaise an, als die Krawallmacher anrückten. Die 15 verbliebenen Polizisten hatten fast mehr Angst als wir. Wir sagten ihnen: 'Wir sind Franzosen und Republikaner; wenn ihr euch zurückzieht, verteidigen wir uns selber.'"

Schließlich rückte doch polizeiliche Verstärkung an, die Synagoge blieb intakt - anders als in einzelnen Pariser Vororten, wo Molotow-Cocktails gegen jüdische Gotteshäuser geworfen wurden. Innenminister Bernard Cazeneuve verurteilte die Taten: "Wenn man eine Synagoge angreift oder einen Laden anzündet, weil er einem Juden gehört, begeht man einen antisemitischen Akt."

Haddad (78) relativiert allerdings: "Sie wollten Juden verprügeln (' casser du juif', Anm.), aber sie warfen am Sonntag auch Brandsätze gegen eine Polizeiwache und eine Autowerkstatt. Vor einem Jahr verwandelten die gleichen Kerle die Meisterfeier von Paris-Saint-Germain in einen Krawall. Beim Freundschaftsspiel Frankreich-Algerien pfiffen sie die Marseillaise aus. Der Nahostkonflikt ist zum Teil nur ein weiterer Vorwand."

Gewalt und Hass sind in Sarcelles ausgebrochen - ob sie sich nun gegen jüdische oder französische Symbole richten. Auch Mamadou Gassama, der Präsident des muslimischen Vereins von Sarcelles, meint: "Viele Jugendliche identifizieren sich mit Palästina, doch das erklärt nicht alles. Die neuesten Spannungen rühren auch von der Wirtschaftskrise in Frankreich her. Sie trifft zuerst die Schwächsten, die weder zur Schule gehen noch arbeiten; und sie nährt über die Medien den sozialen Neid."

Explosive Mischung

Gassama meint, sein Verein versuche alles, um die Hitzköpfe zu beruhigen. Besonders zuversichtlich klingt er aber nicht. Zu explosiv ist der Banlieue-Mix aus Nahostkonflikt und Wirtschaftsnot. "Diese Schläger haben am Sonntag auch unsere Wohnsiedlung heimgesucht", meint Bechir, ein junger Tunesier, der vor der Apotheke für eine Sicherheitsfirma Wache schiebt. "Das war nicht zum ersten Mal, aber erstmals hatte ich selber Angst."

Angst - das neue Grundgefühl in Sarcelles. "Ich befürchte, dass sie zurückkommen", meint auch Marc, ein junger Sepharde, der vor der Synagoge die Stimmung testet. "Die nächste Anti-Israel-Demo ist von der Regierung zugelassen, und ich frage mich, ob das die Randalierer beruhigt." Aber jetzt unterbricht ihn laute Zirkusmusik. Der Löwe macht nochmals die Runde - und große Augen. (Stefan Brändle aus Sarcelles, DER STANDARD, 24.7.2014)

  • Gewaltsame Proteste am Wochenende in Sarcelles nahe Paris.
    foto: ap/camus

    Gewaltsame Proteste am Wochenende in Sarcelles nahe Paris.

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