Prozess in Wien: Puber, Gott und die Herzerln

23. Juli 2014, 15:42
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Ein 30-Jähriger soll ganz Wien mit seinem Schriftzug "Puber" vollgesprüht haben. Die Anklage ist aber teils lückenhaft, kritisiert der Richter

Wien - Renato S. hat es geschafft - er ist eine Berühmtheit. Unter seinem Künstlernamen. Denn selbst Richter Wilhelm Mende ruft zu Prozessbeginn zur "Strafsache Puber" auf und verwendet nicht, wie üblich, den vollen Namen des Angeklagten.

Exakt 232-mal soll der 30-jährige Schweizer seinen Schriftzug in Wien gesprüht haben, wirft ihm Staatsanwalt Markus Berghammer vor. An Wänden, Türen, Mistkübeln und Verteilerkästen findet sich das Wort.

"Die sind mittlerweile eine Plage, und es kostet Zeit und Geld, sie zu entfernen", sagt der Ankläger in seinem Eröffnungsplädoyer. Und: "Er hat der Stadt Wien seinen Stempel aufgedrückt." Weit mehr als 50.000 Euro betrage der Schaden durch die Sachbeschädigung, wirft Berghammer S. vor.

"Strafantrag ist eine Zumutung"

Ein Vorwurf, den der kurzfristig bestellte Verteidiger Philipp Bischof empört zurückweist. "Der Strafantrag ist eine Zumutung für das Gericht und die Verteidigung", grollt er. Aus mehreren Gründen: Eine exakte Schadenshöhe wird nirgends genannt, manche Graffiti sind doppelt angeklagt.

Vor allem: "Es gibt keinen Herrn Puber." Denn die Schriftzüge seien teilweise völlig unterschiedlich. Bei zwei Aktionen wurde der Angeklagte in flagranti erwischt, aufgrund dieser eindeutig zuordenbaren Sprühereien versuchte ein grafologischer Sachverständiger eine Zuordnung. Was nur bedingt gelang.

S., der im bisherigen Verfahren stets geschwiegen hat, bekennt sich daher auch nur teilschuldig. "Der Schriftzug wird von ziemlich vielen verwendet. Ich habe ihn ein paar Mal geschrieben, zwanzig-, dreißigmal." Viele der angeklagten "Pubers" seien aus der Zeit, bevor er nach Österreich gekommen sei.

Holzhackender Richter

"Dann werden wir beginnen, Holz zu hacken", kündigt Richter Mende an, ehe er beginnt, die einzelnen Fakten durchzugehen. Es geht um Blockbuchstaben, kleingeschriebene "E"s, Herzerln und "R"s mit "ausladendem Abstrich".

Was der Angeklagte genau gesteht, bleibt etwas offen. Manchmal verneint er dezidiert seine Urheberschaft, manchmal beschränkt er sich auf ein "Kann sein" oder "Ich weiß es nicht mehr". Selbst bei der Aufschrift "Puber ist Gott" ist sich der adrett mit Sakko und Krawatte auftretende S. nicht sicher.

Mende ist aber immer wieder damit beschäftigt, Seitenhiebe auf Staatsanwaltschaft und Polizei auszuteilen. Einige Fakten sind tatsächlich doppelt angeklagt, bei anderen hat die Polizei keine Fotos angefertigt, sodass niemand sagen kann, wie der Schriftzug wirklich aussieht.

Nachtaufnahmen ohne Blitz

Aufnahmen wurden in der Nacht ohne Blitz gemacht, dafür gibt es andere Bilder, auf denen viel zu sehen ist, aber kein "Puber"-Schriftzug. Und wieder andere Fälle blieben ohne Schaden, da sich die Farbe einfach abwischen ließ. Zumindest ein Zeuge, der eine Wahrnehmung machte, wurde nie vernommen.

Ein Stockwerk tiefer spielt im Wiener Straflandesgericht Puber ebenfalls eine Rolle. Jack W. ist ebenfalls Sprayer, er hat sich in Wien auf Waggons der ÖBB und der Wiener Linien spezialisiert. "Ich bin nicht wie Puber, der die Stadt verunstaltet, ich sprühe meine Tags nicht auf die Straße", sagt der nämlich in seinem Verfahren.

Er hat fast 190.000 Euro Schaden verursacht, ist geständig und wird zu 18 Monaten verurteilt, vier davon unbedingt, die er bereits in der Untersuchungshaft verbüßt hat. Die Verhandlung gegen Renato S. wird dagegen am Donnerstag fortgesetzt. (Michael Möseneder, derStandard.at, 23.7.2014)

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