Fire Phone im Test: Amazons unspektakuläre Einkaufsmaschine

23. Juli 2014, 10:59
6 Postings

Erste Rezensionen - Herausragende Features Dynamic Perspective und Firefly noch nicht ausgereift

Schon seit drei Jahren wird über einen Einstieg des Online-Handelsriesen Amazon in den Smartphonemarkt spekuliert. Vor einem Monat machte der Konzern schließlich ernst und stellte das Fire Phone vor. Punkten sollte das Gerät durch ein schlaues Interface, 3D-Features und seine Kopplung mit Amazons riesigem Warenbestand. Nun liegen erste Rezensionen des Geräts vor.

Hardware

Zuerst zur Technik: Das Smartphone, das mit dem Android-Fork "Fire OS 3.5" operiert, bringt ein 4,7-Zoll-Display mit 720p-Auflösung (1.280 x 720 Pixel) mit. Dieses bietet mit 316 PPI ausreichend Schärfe und weist gute Helligkeitswerte auf. Darunter werkt Qualcomms Snapdragon-800-Plattform, die eine Quadcore-CPU mit 2,2-GHz-Taktung aufweist. Es stehen zwei GB Arbeitsspeicher zur Verfügung, System und Inhalte finden je nach Modell Platz auf 32 oder 64 GB internem Speicher.

Konnektvitätsseitig wartet das Gerät mit Wifi (802.11ac), 3G, LTE und Bluetooth auf. Navigation funktioniert wie gehabt per GPS.

Kameras

Ein herausstechendes Merkmal ist die Kamera-Ausstattung. Auf der Rückseite findet sich eine Kamera, die eine Auflösung von 13 Megapixel und optische Bildstabilisierung bietet, die Frontkamera liefert 2,1 Megapixel. Einzigartig sind die vier zusätzlichen Infrarot-Kameras auf der Vorderseite. Sie dienen zur Erfassung des Gesichts des Nutzers, um die "Dynamic Perspective" genannten 3D-Funktionen umzusetzen.

"Minimalistischer Prototyp"

Äußerlich vermag das Fire Phone die Tester nicht sonderlich zu beeindrucken. "Es sieht mehr aus wie ein minimalistischer Prototyp, denn ein fertiges Produkt", kommentiert etwa Farhad Manjoo bei der New York Times. Die Verglasung von Front- und Rückseite macht das Smartphone außerdem sehr anfällig für Fingerabdrücke.

Dynamic Perspective

"Dynamic Perspective" wird von der Oberfläche des Geräts genutzt und verleiht ihr einen räumlichen Eindruck. Bewegt man das Gerät oder den Kopf, entsteht die Illusion, dass sich die Schaltflächen und Menüelemente in einer Art kleinem Kasten befinden. Doch auch manche Spiele machen Gebrauch davon und lassen den Nutzer beispielsweise durch eine leichte Drehung des Telefons um Ecken spähen. Hier, so meint Tim Moynihan bei Wired, liegt durchaus Potenzial für die Zukunft.

Gesten

In Verbindung mit berührungslosen Gesten wird das 3D-Prinzip auch zum Einsatz gebracht, um die Bedienung der Oberfläche zu Erleichtern. In einigen Fällen, etwa beim Einblenden weiterer Optionen mittels Wischbewegung, erweist sich die Umsetzung als durchaus hilfreich, auch wenn die Gesten nicht immer erkannt werden. Andere Designentscheidungen sind wiederum nicht nachvollziehbar. Wer zum Beispiel die aktuelle Signalstärke und Uhrzeit sehen will, muss das Fire Phone leicht kippen.

Firefly

Das zweite einzigartige Feature ist "Firefly". Dabei handelt es sich um eine App, mit der via Kamera alle möglichen Dinge erkannt werden sollen. So kann das Programm etwa Texte und – derzeit mehr schlecht als recht – Handgeschriebenes erfassen, hauptsächlich dient das Programm aber zur Erkennung von Produkten.

Theoretisch soll es reichen, die Kamera auf einen Artikel im Supermarkt zu richten, um herauszufinden, ob dieser im Sortiment von Amazon zu finden ist. Kaufen lässt sich dieser dann mit einem Klick. In der Praxis sind die Resultate gemischt. Cover von Büchern, Musik-CDs oder DVDs bzw. Blu-rays – sofern nicht teilweise verdeckt von Stickern oder einer Schutzklammer – identifiziert Firefly sehr zuverlässig. Andere Produkte werden oft gar nicht oder erst anhand des Strichcodes erkannt.

Firefly erkennt darüber hinaus auch Medien. Es kann unter anderem auch dazu herangezogen werden, Songs, Serien oder Filme zu erkennen. Zu diesen lassen sich dann zusätzliche Informationen über Plattformen wie IMDB einblenden, der Nutzer kann aber auch hier gleich das Produkt als Stream oder klassisch in einer Verpackung erwerben.

Gute Kamera

Geht um das Schießen von Fotos, so kann die Kamera des Fire Phone meist überzeugen. Üblicherweise gelingen mit ihr schöne Fotos, dazu kommt sie recht gut mit dunkleren Umgebungen klar. Hier liegt es nach Ansicht von Brad Molen bei Engadget auf dem Niveau des iPhone 5S.

Bezüglich Privacy-Bedenken hinsichtlich der Infrarot-Kameras kalmiert Amazon übrigens. Diese fungieren rein als Sensoren, ihre "Aufnahmen" würden unmittelbar nach Verarbeitung gelöscht, ein Anzapfen soll nicht möglich sein. Wer sich mit den 3D-Effekten nicht anfreunden kann, kann ihre Intensität ein- oder diese gänzlich abstellen.

Mayday

Seit dem Kindle Fire HDX-Tablet Bestandteil von Amazons Dienstleistungen ist Mayday. Wer die App nutzt, kann sich – so verspricht Amazon – binnen 15 Sekunden mit einem Techniker verbinden lassen. Dieser hilft aus, wenn man dem Smartphone oder der Inanspruchnahme von Amazon-Dienstleistungen ein Problem hat. Er erhält dazu Fernzugriff auf das Gerät und kann selber Einstellungen tätigen oder Notizen auf den Bildschirm schreibenn.

Da das Fire Phone aktuell exklusiv über den US-Provider AT&T verkauft wird, können dessen Kunden via Mayday auch einfach an dessen Serviceabteilung überstellt werden.

Weniger Apps

Geht es um das App-Angebot, ist der Amazon-Store in dieser Hinsicht dem Angebot von Google und Apple unterlegen. Einige wichtige Programme – allen voran natürlich Googles eigene Appsuite – sind dort nicht zu finden, auch wenn das Angebot stetig wächst. Da Fire Phone 3.5 auf Android 4.2 basiert, ist es allerdings möglich, per Sideloading zusätzliche Android-Apps zu installieren, die im Regelfall auch laufen sollten. Für den Durchschnittsnutzer ist dies allerdings ein umständlicher Weg.

Kein Bluetooth 4.0

Auf technischer Seite ist das Fire Phone leider mit mehreren Mankos behaftet: Das Gerät unterstützt nur Bluetooth 3.0 statt des neueren Bluetooth 4.0 LE-Standards. Das kann zu Problemen und höherem Energieverbrauch in Verbindung mit neueren Wearables führen. Hardwareseitig wäre Support für Bluetooth 4.0 LE gegeben, hier könnte Amazon also per Firmware-Update nachrüsten.

Sonderfunktionen als Akkusauger

Hinzu gesellt sich die Tatsache, dass Firefly und Dynamic Perspective stark am Akku saugen, der mit 2.400 mAh nur durchschnittlich bemessen ist. Deaktiviert man diese Funktionen, kommt man mit dem Smartphone problemlos über den Tag. Nutzt man sie aber häufiger, sollte man sein Ladegerät oder einen externen Akku mitführen.

Telefonie und Audio

Keine Blöße gibt sich das Fire Phone beim Telefonieren mit guter Audioqualität und Lautstärke. Die Soundwiedergabe über die integrierten Lautsprecher liefert hohe Lautstärke, allerdings einen merkbar blechernen Klang.

Prime

Ein wesentlicher Bestandteil des Angebots ist das inkludierte Ein-Jahres-Abo von Amazon Prime im Gegenwert von 99 Dollar. Neben kostenloser Warenlieferung zahlreicher Artikel binnen zwei Tagen umfasst dies auch Zugang zu Amazons eigener Instant Video-Streamingplattform, dem Prime Music-Musikstreamingdienst und über 500.000 E-Books. Das Angebot lässt sich aber freilich auch ganz ohne Fire Phone buchen.

Fazit: Zu teuer...

Mit seinem ersten Smartphone weicht Amazon von seiner bisherigen Strategie ab, möglichst viele Kunden mit günstigen und technisch starken Geräten in sein Ökosystem zu locken. Wer das Handy haben möchte, muss entweder einen Vertrag bei AT&T eingehen, wo das Gerät ab 200 Dollar genau so viel kostet wie das iPhone 5S, oder tief in die Geldbörse greifen. Das Fire Phone kostet entsperrt 649 Dollar, auch das entspricht dem Preisniveau des iPhone und überbietet Android-Flaggschiffe wie das Galaxy S5.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Hardware-Basis des Geräts nicht mehr topaktuell ist. Der Snapdragon-800 findet sich beispielsweise im Nexus 5 oder LG G2 aus dem Jahr 2013 – trotzdem ist er noch allen Aufgaben gut gewachsen.

...und zu unspektakulär

Der Mehrwert der Unique Selling Points ist begrenzt. Dynamic Perspective hat Potenzial, ist aber derzeit kaum mehr als ein Gimmick. Firefly zeigt ebenfalls Möglichkeiten auf, ist aber primär für Amazon-Kunden praktisch. Der negative Impact auf die Akkulaufzeit stellt allerdings ein Problem dar, ebenso wie die (noch) fehlende Unterstützung von Bluetooth 4.0.

So präsentiert sich das Fire Phone letztlich als technisch weitestgehend unspektakuläre Einkaufsmaschine, der ein echter Mehrwert gegenüber der Konkurrenz fehlt. Via Amazon Prime bietet Amazon zwar ein starkes Inhaltspaket, hinkt beim App-Angebot dafür aber hinterher. Während ein potenzieller Nachfolger mit ausgereifterer Technologie als spannend erweisen könnte, ist nicht damit zu rechnen, dass das erste Amazon-Smartphone zum großen Kassenschlager wird. (gpi, derStandard.at, 23.07.2014)

  • Amazons Fire Phone zeigt interessante Ansätze, ist für das aktuell Gebotene aber zu teuer.
    foto: amazon

    Amazons Fire Phone zeigt interessante Ansätze, ist für das aktuell Gebotene aber zu teuer.

  • Artikelbild
    foto: ap
  • Artikelbild
    foto: amazon
Share if you care.