Vom Gentleman zum Industriespion

22. Juli 2014, 17:26
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Amateurhafter Held, Playboy oder Anti-Terror-Spezialist: Ein Brite in Klagenfurt erforscht die wechselhafte Geschichte des Spions in Literatur und Film

Seit der jüngsten "Spionageaffäre" kursieren wieder allerhand Imaginationen über Geheimagenten. Dabei hat sich das Berufsbild des Spions im Lauf der Jahre beträchtlich verändert. In ihrer klassischen Ära lebten Spione unerkannt dort, wo die Aufklärungsarbeit zu leisten war, die heimlich betrieben wurde. Heute erledigen den Großteil dieser Arbeit Drohnen und Trojaner, und es geht nicht mehr um Truppenaufmarschpläne, sondern manchmal um so scheinbar banale Dinge wie einen Bauplan für einen Maschinenteil.

Ein Forschungsprojekt an der Universität Klagenfurt beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit der Figur des Spions und dem Phänomen der Gewinnung von "intelligence". Der Engländer Alan Burton, derzeit vom Wissenschaftsfonds FWF geförderter Senior Research Fellow, hat die entsprechende Forschungslücke im Lauf seiner akademischen Jahre entdeckt: "Mein ursprüngliches Fachgebiet war britische Filmgeschichte. Ich habe eine Weile zu Propagandafilmen und politischen Filmen gearbeitet. Einige Genres des britischen Kinos sind sehr gut erforscht, zum Beispiel die Komödie oder die Horrorfilme. Nur die Spionage-Geschichten wurden bisher weitgehend ignoriert." Und das, obwohl Spionageromane seit jeher stark in Großbritannien verankert sind.

2005 kam Burton, der zuvor an der Universität Hull tätig war, an das Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Klagenfurt. Seit März arbeitet er an einem FWF-Projekt über britische Spionage in populärer Fiktion.

Dabei geht es nicht nur um Ian Flemings James Bond, sondern auch um weitaus entlegenere Texte. "Der Zeitraum, aus dem ich Belege suche, ist sehr umfangreich. Das beginnt im späten Viktorianismus und geht bis in die Gegenwart." Soll heißen, Burton versucht einen Überblick über mehr als ein Jahrhundert Spionageliteratur und nebenbei auch die gesamte Geschichte des Kinos.

Gibt es denn bei einem so vielfältigen Gegenstand, der sich in allen populären Medien niederschlägt, eine probate Herangehensweise? "Es handelt sich im Wesentlichen um einen kulturhistorischen Ansatz. Ich interessiere mich aber auch für die Rezeption, wo ich welche finden kann. Und ich suche bestimmte Themen, wie etwa den Amateur-Aspekt, der in britischer Gesellschaft immer eine wichtige Rolle gespielt hat", umreißt Burton seine Methodik.

Nebenberuf: Spion

Tatsächlich waren die ersten Spione mehr oder weniger nebenberuflich tätig, und England ist deswegen die relevante Kultur, weil von dort das Genre der "Spy Fiction" ihren Ausgang nahm. "Es gab im späten 19. Jahrhundert kein formelles 'intelligence system' in England, das wurde erst vor dem Ersten Weltkrieg etabliert. Die Spionageromane davor waren sehr romantisch, sie feierten das Empire und hatten Gentleman als Helden - Männer aus der Upperclass, die nicht nur den Feind bekämpften, sondern nebenbei das Empire retteten. Deutschland wurde der Hauptgegner in dieser Ära", schildert Burton.

Er führt Erskine Childers Roman The Riddle of the Sands aus dem Jahr 1903 als frühes Beispiel des Spionageromans an: Dieser handelt von zwei Gentlemen, die eine deutsche Invasion befürchten und mit ihrer Yacht vor der Küste Deutschlands kreuzen. Das Buch gehört in den größeren Zusammenhang der Erzählungen, die von der Invasionsangst der Engländer handelten. Die Gentlemen seien dafür die Antwort gewesen, denn sie waren "trained for no-thing, but ready for everything" (für nichts ausgebildet, aber bereit für alles), wie Burton sagt.

Einen Höhepunkt erreichte das Genre während des Kalten Krieges, der ganz wesentlich auch als ein Beobachtungskrieg geführt wurde. Burton stellt hier die Bond-Erzählungen den komplexeren und realistischeren von John le Carré gegenüber. "Bond ist ein Gentleman, nun hat Großbritannien allerdings einen Secret Service. Der Geheimagent wird zu einem sogenannten Clubman: In den Clubs trifft er auf Leute seiner Klasse. Konsum spielt nun eine wichtige Rolle, es wird vermerkt, was Bond trinkt, was er raucht. Und dann natürlich die Sexualität. Er wird zu einem Playboy. Die entsprechenden Magazine tauchten ungefähr zur selben Zeit auf: Playboy oder Empire", stellt Burton fest. "John le Carré wiederum steht für eine Gegenreaktion. Er ist realistischer, zynischer, er korrigiert die Fantasie der Bond-Geschichten."

Wenn man von hier einen Sprung in die Gegenwart riskiert, stellt man fest, dass Spionage enorm technisch geworden ist. Lassen sich die Verhältnisse der Gegenwart im Vergleich zu diesen Klassikern überhaupt noch fiktionalisieren? "Wir stecken da mitten drin", antwortet Burton, "es lässt sich aber beobachten, dass ähnliche Ängste wie im späten Viktorianismus eine Rolle spielen." Burton nennt zwei Beispiele: Die Serie The Hunted, ein Drama der BBC aus dem Jahr 2012, in dem es vor allem darum geht, was passieren kann, wenn private Firmen die Aufgaben der Geheimdienste übernehmen. Und The Last Enemy, ebenfalls BBC, von 2008: "Es ist eine Paranoia-Geschichte. Das Stichwort lautet TIA, Total Information Awareness. Es geht um alles, was die Regierungen über uns so sammeln. Das ist durchaus ein Orwell-Alptraum."

Der Feind im Inneren

Ein Alptraum, der auch einen Unterschied zu früher deutlich macht. Heute ist Spionage in vielen Fällen nicht mehr transnational, sondern auf die eigenen Leute gerichtet. Auch die Invasion kommt von innen. "Nach dem Kalten Krieg und seit 9/11 mussten die Spionage-Erzählungen auf den Terrorismus umstellen. Daneben scheint mir aber noch ein Aspekt sehr wichtig zu sein: Digitale Spionage ist sehr häufig Industriespionage. Firmen versuchen, etwas herauszubekommen. Das Buch The Director von David Ignatius wäre dafür ein interessantes Beispiel", sagt Burton. "Man hört heute immer wieder von westlichen Geschäftsleuten, die ihr Telefon nicht nach Russland oder China mitnehmen, weil sie befürchten, es würde dort ausgelesen. Das sind Sachverhalte, die nun in Spionage-Erzählungen Eingang finden." (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 23.7.2014)

  • Das Filmposter zum James-Bond-Film "Der Spion, der mich liebte" aus dem Jahr 1977. Was Bond etwa von John le Carrés Figuren in "Der Spion, der aus der Kälte kam", verfilmt 1965, unterscheidet, und was Geheimagenten im Lauf der Geschichte verkörperten, wird an der Uni Klagenfurt erforscht.
    foto: apa/epa/daniel naupold

    Das Filmposter zum James-Bond-Film "Der Spion, der mich liebte" aus dem Jahr 1977. Was Bond etwa von John le Carrés Figuren in "Der Spion, der aus der Kälte kam", verfilmt 1965, unterscheidet, und was Geheimagenten im Lauf der Geschichte verkörperten, wird an der Uni Klagenfurt erforscht.

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