Nigeria: 100 Tage Warten auf die entführten Mädchen 

23. Juli 2014, 05:30
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Die Regierung verkündet zwar immer wieder die Befreiung, ein Terrorende ist aber nicht in Sicht

Abuja - "Was wollen wir?", ruft Bukky Shonibare den rund 50 Demonstranten vor dem Unity Fountain - jenem Springbrunnen, der mitten in der Hauptstadt Abuja die Einheit Nigerias symbolisieren soll - fragend zu. "Sie sollen unsere Mädchen zurückbringen, sofort und lebendig", antworten die Frauen und Männer im Chor, die zur Protestbewegung #BringBackOurGirls gehören.

Nach der dritten Wiederholung hört sich der Slogan immer trotziger und fordernder an. Denn es sind bereits 100 Tage vergangen, seit knapp 300 Mädchen aus ihren Schlafsälen im Dorf Chibok im Bundesstaat Borno entführt wurden. Drahtzieher ist die Terrorgruppe Boko Haram ("Westliche Bildung ist Sünde"), die sich in verschiedenen Videos zu der Tat bekannt hat und mehrmals einen Austausch forderte: Die Mädchen können zurück zu ihren Familien, wenn im Gegenzug alle inhaftierten Mitglieder der Terrorgruppe freigelassen werden.

Seit 15. April verschwunden

Das hatte die nigerianische Regierung stets vehement abgelehnt wie auch einen Dialog mit der Gruppe. Kenner der nigerianischen Politik gehen davon aus, dass es durchaus Gespräche geben könnte, von denen die Öffentlichkeit vorerst nichts erfahren soll. "Wir hätten nie gedacht, dass dieser Protest so lange dauern wird", sagt Rotimi Olawale, Medienkoordinator von #BringBackOurGirls. Er gehört zum Kern der Gruppe und kommt jeden Tag zum Unity Fountain. Dass der Protest lange und zäh werden würde, war anfangs für ihn unvorstellbar.

Vor Chibok, das bis zum 15. April eines jener unzähligen namenlosen Dörfer mit schlechter Infrastruktur in Nordnigeria war, hatte es in Afrikas Riesenstaat noch nie einen so spektakulären Entführungsfall gegeben. Knapp 300 Mädchen nahmen die Kämpfer von Boko Haram mit. Augenzeugen zufolge sollen sie sich sogar als Soldaten getarnt haben. Wie viele der Chibok-Mädchen tatsächlich noch in ihren Händen sind, ist unklar. Man geht von knapp 220 aus. Einigen gelang die Flucht. Sie könnten aber auch freigelassen worden sein, weil sie eventuell krank geworden waren.

15.000 nach Überfall auf der Flucht

In Nordnigeria kommt es immer wieder zu Kidnappings und Attentaten durch die islamistische Extremistengruppe, die es aber kaum an die Öffentlichkeit schaffen. Am Montag wurde allerdings bekannt, dass nach einem Überfall von Boko Haram auf die Stadt Damboa im Nordosten Nigerias mindestens 15.000 Menschen geflüchtet sind.

Zahlreiche Menschen sollen bei dem Übergriff getötet worden sein, berichten nigerianische Streitkräfte. Einwohner, die nicht fliehen konnten und sich den Angreifern ergaben, wurden laut Augenzeugen erschossen.

Von verschiedenen Seiten hieß es außerdem mehrfach, dass auch das Militär Angehörige von mutmaßlichen Terroristen verhaften würde, um so Druck auf die Gruppe auszuüben. Genau deshalb stand die Bewegung zur Rückkehr der Mädchen in den vergangenen Wochen auch vermehrt in der Kritik. Gegner - namentlich zitieren lässt sich derzeit aber niemand - sagen, durch den Fokus auf die Schulmädchen würden alle übrigen Probleme ausgeblendet.

Regierung vertröstet Familien

Eines dürfte der Protest hingegen bewirkt haben: Präsident Goodluck Jonathan hat nun die Eltern der entführten Mädchen sowie jene Schülerinnen, denen die Flucht gelungen ist, getroffen. Er war immer wieder dafür kritisiert worden, dass er sich nicht ausreichend kümmere. Auf die Frage, wann die übrigen Gefangenen endlich zu ihren Familien zurückkehren könnten, reagiert die Regierung weiterhin ausweichend. "Sie werden bald befreit", heißt es von Regierungsvertretern nur. (Katrin Gänsler, DER STANDARD, 23.7.2014)

  • Vor allem Eltern und Angehörige der Mädchen demonstrieren regelmäßig für ein  entschlossenes Eingreifen des Militärs. Auch am Dienstag versammelten sich  Dutzende in der Hauptstadt Abuja.
    foto: ap/alamba

    Vor allem Eltern und Angehörige der Mädchen demonstrieren regelmäßig für ein entschlossenes Eingreifen des Militärs. Auch am Dienstag versammelten sich Dutzende in der Hauptstadt Abuja.

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