Musik, die durch die Decke geht

22. Juli 2014, 17:05
8 Postings

Der Berliner Techno-Produzent Mark Ernestus präsentiert beim Festival Glatt & Verkehrt in Krems diskret vom Mischpult aus das fantastische senegalesische Ensemble Jeri-Jeri

Krems - Mark Ernestus, Jahrgang 1963, wurde Anfang der 1990er-Jahre gemeinsam mit seinem Kollegen Moritz von Oswald bekannt. Von der damaligen Techno-Welthauptstadt Berlin aus sorgte man unter anderem unter den Labels Chain Reaction und Basic Channel dafür, dass dem Techno damals nicht nur eine gehörige Portion Jamaika eingeimpft wurde und schwere Dub-Rhythmen und tiefe, im Magen wühlende Bässe das Klangbild eroberten. Zu den Charakteristika zählten auch extreme Echo- und Halleffekte sowie ein markantes Grundrauschen, wie man es sonst in den Auslaufrillen zigfach abgespielter Vinylplatten findet.

Vor allem im Projekt Rhythm & Sound, zu dem auch der aus der Dominikanischen Republik stammende Sänger Paul St. Hilaire alias Tikiman gehörte oder auch Ras Donovan oder Sugar Minott Gastbeiträge lieferten, erlangten von Oswald und Ernestus darin eine Meisterschaft, die sich ganz im Sinne des damals populären Minimal Techno der Reduktion auf beinahe schmucklose Rhythmusgerippe verschrieben hatte.

Zudem ist Mark Ernestus neben diversen weiteren Nebenprojekten im Chain-Reaction- und Basic-Channel-Umfeld etwa als Remixer auch als Betreiber des einflussreichen Plattenladens Hard Wax bekannt geworden.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich der deutsche Soundkünstler nun verstärkt mit afrikanischen Musiken. Für das Londoner Label Honest Jon's etwa stellte er die Kompilation Shangaan Electro mit zukunftsträchtiger, turbofrisierter Tanzmusik aus Südafrika zusammen. Zwischen Tradition und Alleinunterhalter-Elektronik sorgte diese tempomäßig und inhaltlich aus allen Nähten platzende Musik international für Furore. Heuer etwa wurde sie im Frühjahr auch auf dem Donaufestival in Krems präsentiert.

Ernestus remixte mit den aus dem Kongo stammenden neuen Weltmusikstars Konono N°1 auch wüste Kombinationen aus Schrottplatzgerätschaft, elektrisch verstärkten Likembes (gezupften, vor den Bauch geschnallten Lamellen-Instrumenten) und westlichem Popinstrumentarium. Zuletzt erkundete Ernestus als Sounddesigner vom Mischpult aus mit dem aus der senegalesischen Hauptstadt Dakar stammenden Trommelensemble Jeri-Jeri die dortige Ndagga-Musik. Sie wird heute, Mittwoch, 23. 7., in der heißen Phase des jährlichen Kremser Weltmusik-Festivals Glatt & Verkehrt in der dortigen Sandgrube 13 präsentiert werden und hoffentlich dazu führen, dass die Stühle im Publikumsbereich ins Eck fliegen.

Hart groovender Funk

Ndagga und Jeri-Jeri, das bedeutet: vielschichtige, hart groovende, rhythmische Funk-Strukturen von bis zu 14 Schlagzeugern und Trommlern, unterstützt von einfachen Figuren eines Bassisten, flächigen Keyboardklängen und diversen Gastsängern, die von Mark Ernestus am Mischpult verdichtet und mit nur wenigen Effekten ergänzt werden.

Die vorliegenden Alben 800 % Ndagga und Ndagga Versions, auf denen als Gast etwa auch der senegalesische Weltmusik-Superstar Baaba Maal zu hören ist, versprechen jedenfalls einen Höhepunkt in der Geschichte des Kremser Glatt-&-Verkehrt-Festivals. Dieses musste und muss sich oft ja auch zu Recht den Vorwurf der lehrerhaften Betulichkeit gefallen lassen, gerade auch, wenn es darum geht, Musiken aus exotischen Ländern von westlichen Künstlern kolonialisieren zu lassen.

Neben Jeri-Jeri und Mark Ernestus steht auch der restliche Abend im Zeichen Afrikas. Die heimischen Jazzer Franz Hautzinger und Werner Puntigam treffen im Projekt Kunzwana#1 auf Musiker aus Zimbabwe. Jupiter & Okwess International aus dem Kongo machen mitreißenden James-Brown-Funk mit politischen Texten: "Wir hatten das Land, sie hatten die Bibel. Sie lehrten uns, mit geschlossenen Augen zu beten. Als wir sie wieder öffneten, hatten sie das Land und wir die Bibel." (Christian Schachinger, DER STANDARD, 23.7.2014)

  • Heute, Mittwoch, in der Sandgrube 13 in Krems erstmals live in Österreich zu hören: Jeri-Jeri aus dem Senegal und der Berliner Techno-Produzent Mark Ernestus.
    foto: glatt & verkehrt

    Heute, Mittwoch, in der Sandgrube 13 in Krems erstmals live in Österreich zu hören: Jeri-Jeri aus dem Senegal und der Berliner Techno-Produzent Mark Ernestus.

Share if you care.