Stunden in Minuten verwandelt

22. Juli 2014, 17:19
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Pierre-Laurent Aimard mit Bach in Salzburg

Salzburg - Bach im Gefängnis. Passt das nicht eher in die Biografie des notorisch schlagfertigen Mozart? Von 6. November bis 2. Dezember 1717 war Johann Sebastian Bach jedenfalls in der Weimarer Landrichter-Stube "arretiert". Der Komponist und Hoforganist hatte seinen Dienstgeber vergrätzt, weil er sich ungefragt einem neuen Herrn verpflichtet hatte. Das ist historische Tatsache.

Dass er während dieser Wochen den ersten Teil des Wohltemperierte Klaviers geschrieben hat, ist Legende. Aber nicht ganz. Bach hat unter "Unmuth, langer Weile und Mangel jeder Art von musikalischen Instrumenten" gelitten und zum "Zeitvertreib", unter Rückgriff auf älteres Material, die 24 Präludien und Fugen im Kotter konzipiert: Das wohltemperierte Klavier ist das erste Werk der Musikgeschichte, in dem alle 24 Tonarten in anspruchsvollsten Kompositionen zu Wort und Klang kommen.

Der Pianist Pierre-Laurent Aimard offenbarte im Großen Saal des Mozarteums in Salzburg geradezu atemberaubende Einblicke in die Tiefenschichten des Teil eins des Schlüsselwerks.

Die in Ausdruck und Charakter so vielfältigen Präludien - revolutionär in ihrer Freiheit im Umgang mit tradierten Formen - lässt Aimard in einem einzigen Guss kostbarsten Klangmaterials ausströmen.

Bis in die feinsten Verästelungen hinein nachhörbar gestaltet er die Expositionen der Fugen. Die Themen kommen ernst schreitend, verspielt tänzelnd oder beängstigend dramatisch, aber nie "akademisch" daher. In den Durchführungen versteht es Aimard, die Welt den Atem anhalten zu lassen. Raum und Zeit verschmelzen zu Augenblicken reinen Glücks, nicht ausschließlich - aber exemplarisch - in der legendären vierstimmigen Schluss-Fuge h-Moll BWV 869. Tatsächlich gönnte das Publikum sich und dem Künstler danach mehrere kostbare Sekunden stillen Nachklingenlassens, bevor es in Jubel ausbrach.

"Das Alte Testament der Musik" nannte Hans von Bülow den Zyklus. Ein zweischneidiges Kompliment. Musste sich das Alte Testament der Bibel nicht erst im Neuen erfüllen? Im Wohltemperierten gibt es nichts Unerfülltes. Es nimmt romantisch springende Bächlein ebenso vorweg wie vibrierende Klangflächen oder die Brüche zeitgenössischer Expressivität. Johann Sebastian Bach hat BWV 846 bis 869 vielleicht im Gefängnis - sicher aber im Hinblick auf die Interpretation von Pierre-Laurent Aimard geschrieben. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD, 23.7.2014)

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