Ärztekammer: "Die Wiener Gerichtsmedizin stirbt"

23. Juli 2014, 15:10
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Stadt Wien widerspricht Kammer und will Obduktionen nicht an Gerichtsmedizin zurückgeben

Die Wiener Ärztekammer schlägt Alarm. Die Zustände an der Wiener Gerichtsmedizin seien unerträglich, eine Ausbildung finde gar nicht mehr statt, sagt Hermann Leitner, Obmann der Kurie für angestellte Ärzte. "Ein renommiertes Universitätsinstitut stirbt", warnt Leitner. Die Vorwürfe sind nicht neu. Seit der Reform der organisatorischen Strukturen bei Obduktionen wird die Neuaufteilung von der Ärztekammer kritisiert.

Bereits 2007 hat der Rechnungshof der Stadt Wien empfohlen, wegen der vergleichsweise hohen Zahl an Obduktionen diese auszulagern und in städtischen Spitälern durchzuführen. Dieser Empfehlung folgte die Stadt und sieht keinen Grund, das wieder zurückzunehmen, wie es in einer Stellungnahme der MA15, dem Gesundheitsdienst der Stadt Wien, heißt.

Ärztekammer befürchtet Qualitätsverlust

Die Wiener Ärztekammer sieht das anders. Für Leitner ist es ein "Qualitätsverlust", wenn sanitätsbehördliche Leichenöffnungen nicht an der Gerichtsmedizin, die zur Med-Uni Wien gehört, stattfinden, sondern in Gemeindespitälern. Unter sanitätspolizeiliche Leichenöffnungen fallen ungeklärte Todesfälle, wenn etwa jemand in der Straßenbahn plötzlich leblos umkippt. Ob ein krimineller Hintergrund besteht, muss dann bewiesen werden.

Der Vorteil der Gerichtsmedizin sei, dass sie unabhängig sei, sagt Leitner. Eine wichtige Aufgabe von Obduktionen sei, ärztliche und pflegerische Fehler aufzudecken. "Wenn der Pathologe aber im Krankenhaus den Chirurgen schon lange kennt, ist das schwierig. Persönliche Kontakte haben da nichts zu suchen." Außerdem seien Pathologen nicht gleichermaßen mit der Frage nach kriminellen Geschehnissen vertraut. Die MA 15 verweist darauf, dass sowohl Fachärzte für Gerichtsmedizin als auch Fachärzte für Pathologie diese Leichenöffnungen durchführen würden.

Heute werden in der Gerichtsmedizin eben nicht mehr alle sanitätspolizeilichen Leichenöffnungen durchgeführt, wie von der Wiener Ärztekammer gefordert, sondern nur Obduktionen, die vom Staatsanwalt angeordnet werden.

Streit um Finanzierung

Laut Leitner hat sich deren Zahl seit 2007 um zwei Drittel verringert. Waren es früher 1.500 Obduktionen, sind es heute nur noch 500 pro Jahr. 2,5 Prozent haben einen kriminellen Hintergrund. Das habe auch Konsequenzen für die Sterbestatistik der Stadt Wien, denn es sei wichtig zu wissen, woran die Menschen sterben. "Wir können uns nicht leisten wegzuschauen", sagt Leitner. Sowohl Stadt als auch Med-Uni widersprechen hier, laut Statistik gebe es keinen signifikanten Rückgang bei Obduktionen.

Die Forderung der Wiener Ärztekammer: Die Stadt solle die sanitätspolizeilichen Leichenöffnungen wieder in die Verantwortung der Med-Uni Wien übertragen, und das Wissenschaftsministerium solle das Gerichtsmedizinische Institut ausreichend finanzieren. Damit sei es auch möglich, eine neue Generation Gerichtsmediziner auszubilden.

Die Med-Uni Wien sieht aber mehr das Justizministerium in der Ziehung, da das Geld für die Refundierung der Obduktionen nicht ausreiche. Die Mittel, die das Institut bislang vom Wissenschaftsministerium erhalten habe, stammten aus einem globalen Budget, das eigentlich für Wissenschaft und Forschung gedacht sei. (mte, derStandard.at, 23.7.2014)

  • Streit um Obduktionen: Die Ärztekammer will mehr Leichenöffnungen an der Gerichtsmedizin, die Stadt Wien widerspricht.
    foto: apa/zeppelzauer

    Streit um Obduktionen: Die Ärztekammer will mehr Leichenöffnungen an der Gerichtsmedizin, die Stadt Wien widerspricht.

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