Fünf Schlepper nach Lampedusa-Tragödie verhaftet

22. Juli 2014, 13:07
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Flüchtlinge im Lagerraum von anderen Migranten erstochen - Fünf Schlepper festgenommen

Rom - Fünf mutmaßliche Schlepper sind am Dienstag von der Polizei in Messina mit dem Vorwurf des mehrfachen Mordes festgenommen worden. Sie sollen das Fischerboot mit mehr als 700 Migranten gesteuert haben, bei dessen Überfahrt mindestens 181 Migranten ertranken beziehungsweise ermordet wurden. Die Staatsangehörigkeit der Festgenommenen wurde nicht bekanntgegeben.

Die mutmaßlichen Schlepper wurden von den Überlebenden angezeigt. Um auf dem vollkommen überladenen Boot Raum zu schaffen, sollen sie unzählige Flüchtlinge über Bord geworfen haben. Sie sollen Leichen von Passagieren ins Meer geworfen haben, die zuvor erstochen oder totgeschlagen wurden, berichtete die Polizei nach Medienangaben.

Videoaufnahme im Netz

Das Ausmaß der jüngsten Flüchtlingstragödie vor Lampedusa ist weit größer als bisher angenommen. 181 Menschen, darunter viele Kinder, seien bei der Überfahrt ums Leben gekommen, berichteten Augenzeugen am Dienstag. Zuvor war von 30 Toten, darunter ein Kind, die Rede gewesen.

An Bord des von der libyschen Küste abgefahrenen Bootes befanden sich laut einem Bericht der Tageszeitung "La Repubblica" 750 Menschen, 569 davon konnten gerettet werden.

Auf der Website von "La Repubblica" war eine Videoaufnahme zu sehen, auf der hunderte Menschen auf dem Boot verzweifelt um Hilfe rufen, während mehrere Menschen im Wasser um ihr Leben ringen.

Die Augenzeugen berichteten, dass einige der im Lagerraum gefundenen toten Migranten von anderen Insassen erstochen worden seien, um zu verhindern, dass sie ans völlig überfüllte Deck gelangten. Andere seien von dort ins Wasser gefallen und ertrunken. Bei den Insassen habe es sich um Flüchtlinge aus Syrien, Pakistan, Nigeria und Ghana gehandelt, berichtete die Zeitung.

Boot nach Malta geschleppt

Das Flüchtlingsboot wurde nach Malta geschleppt, während die geretteten Insassen nach Messina auf Sizilien gebracht wurden. Zwei Flüchtlinge in kritischem Zustand wurden am Samstag mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus in Palermo geflogen.

Erst am Sonntag war ein Boot mit dutzenden Migranten vor Sizilien aufgebracht worden. Ein Video der italienischen Marine zeigt die Rettungsaktion.

storyful/youtube/marina militare

Die Regierung geht davon aus, dass in wenigen Wochen die Zahl der in Italien seit Jahresbeginn eingetroffenen Migranten auf ein Rekordhoch von 100.000 steigt. Nach jüngsten Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit Jahresbeginn bis Mitte Juli 67.000 Flüchtlinge in Italien eingetroffen. Nach Angaben des Innenministeriums sind es sogar 84.000. Die Hälfte von ihnen stammt aus Eritrea und Syrien. Im Ranking der Länder, aus denen die meisten Migranten stammen, folgen Somalia, Mali und Gambia. 6.500 Minderjährige trafen unbegleitet in Italien ein.

Weit mehr als im Vorjahr

Diese Zahlen übertreffen jene aus den Vorjahren bei weitem. 2013 zählte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) 42.925 Ankünfte von Flüchtlingen in Italien, 2012 waren es nur 13.200.

Die Auffanglager auf Sizilien sind heillos überfüllt. Daher sollen tausende Migranten in anderen italienischen Regionen untergebracht werden, die meisten davon in der Lombardei, 7,3 Prozent im Friaul. Kasernen und Schulen sollen auf Sizilien zur Verfügung gestellt werden, um die Flüchtlinge unterzubringen.

Reihe von Festnahmen

Die Polizeiaktion vom Montag reiht sich in eine Reihe weiterer Festnahmen mutmaßlicher Schlepper ein, die Überfahrten mit Toten verschulden sollen: Am 1. Juli waren sieben Verdächtige dingfest gemacht worden, die die mit mehr als 360 Toten geendete Überfahrt vom vergangenen Oktober organisiert und durchgeführt haben sollen. Sie seien Teil einer international agierenden Organisation, hieß es.

Das Vorgehen gegen Schlepper ist Teil der von der italienischen Marine im Oktober 2013 gestarteten Flüchtlingsrettungsaktion "Mare Nostrum". Diese wird trotz Appellen von anderen EU-Mitgliedsstaaten nicht unterstützt. EU-seitig gab es bisher nur eine einmalige Sonderunterstützung. Flüchtlingen legale Wege nach Europa zu eröffnen wird nicht ernsthaft diskutiert. Vielmehr setzt die EU auf noch mehr Abschottung. So wurde der Budgetvoranschlag für die Grenzschutzagentur Frontex für 2015 kürzlich weiter aufgestockt. (APA, bri, 22.7.2014)

  • Boote der Küstenwache vor Lampedusa. Die italienische Regierung geht davon aus, dass in wenigen Wochen die Zahl der in Italien seit Jahresbeginn eingetroffenen Migranten auf ein Rekordhoch von 100.000 steigt.
    foto: reuters/enza billeci

    Boote der Küstenwache vor Lampedusa. Die italienische Regierung geht davon aus, dass in wenigen Wochen die Zahl der in Italien seit Jahresbeginn eingetroffenen Migranten auf ein Rekordhoch von 100.000 steigt.

  • Laut italienischem Innenministerium kamen heuer 84.000 Menschen über die Mittelmeerroute in Italien an.
    foto: apa/derstandard.at

    Laut italienischem Innenministerium kamen heuer 84.000 Menschen über die Mittelmeerroute in Italien an.

  • Das Unglück geschah vor der Küste Lampedusas.
    grafik: apa

    Das Unglück geschah vor der Küste Lampedusas.

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