Hochriskante Geldanlagen so populär wie noch nie

22. Juli 2014, 05:30
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Investoren lassen auf der Suche nach höheren Renditen die Sicherheit außen vor und setzen auf exotische Wetten

Wien - Die lockere Geldpolitik der Notenbanken löst einen Boom in exotischen und riskanten Märkten aus. Das zeigen Daten, die dem STANDARD vorliegen. Demnach nutzen Unternehmen und Staaten weltweit die günstige Lage an den Kapitalmärkten, um hunderte Milliarden an Anleihen zu platzieren. Unternehmen mit schwacher Bonität haben seit dem Jahresbeginn en masse zu günstigen Konditionen Hochzinsanleihen begeben, auch Ramschanleihen oder Junk Bonds genannt. Laut Dealogic-Daten waren es 234 Milliarden Euro. "Die Unternehmen sind schlau, sie saugen sich jetzt mit Geld voll", sagt Jörg Angelé, Anleihenexperte bei der Raiffeisen Bank International (RBI).

Auch hochriskante Kredite boomen, und Schwellenländer, die noch vor einem Jahr in einer Krise waren, borgten sich so viel Geld am Anleihenmarkt wie noch nie (siehe Grafik). Dabei seien aktuelle Emissionen von der Kreditqualität her "manchmal jenseits von Gut und Böse", warnt Analyst Angelé. Anleger würden aktuell an den Anleihenmärkten "sehr schlecht gestellt".

Unbesichertes ist beliebt

Denn nicht nur beim Rating machen Investoren immer mehr Abstriche. Auch exotische Wertpapiere mit hohem Risiko finden dank niedriger Zinsen bei sicheren Staatsanleihen den Weg in viele Portfolios. So dokumentiert Dealogic für 2014 bereits 75 Milliarden Euro an "Cov-lite loans", das sind Kredite ohne nennenswerte Sicherheiten. Besonders im Bereich hochriskanter Private-Equity-Deals kommen solche, auch höher verzinste, Kredite mit hauchdünnen Sicherheitsbestimmungen für die Investoren zum Einsatz. In der Krise waren solche Anleihen nicht an die Investoren zu bringen, 2008 und 2009 brach der Markt vollends zusammen.

"Man muss sich wohl Sorgen um eine Liquiditätsblase machen", befindet daher Keith Wade, Chefvolkswirt und Stratege beim britischen Vermögensverwalter Schroders. "Einzelne Märkte wie Ramschanleihen sind heiß gelaufen, und man kann klar neue finanzielle Exzesse erkennen."

In Europa könnte die Geldpolitik sogar noch lockerer werden. Im Juni hat die EZB neue Maßnahmen fürs zweite Halbjahr angekündigt, allen voran neue milliardenschwere Kreditlinien für die Banken. Analysten der Bank of America schätzen, dass so weitere 800 Milliarden Euro an Liquidität ins System fließen könnten.

Neue Subprime-Anlagen

"Die lockere Geldpolitik fördert Blasen und Exzesse auf Anleihenmärkte, weil Anleger wie Pensionsfonds oder Versicherungen von den niedrigen Zinsen bei sicheren Papieren in riskantere Anlagen gezwungen werden", sagt Wade. Das Wort "Anlagenotstand" hat sich im deutschsprachigen Raum für dieses Phänomen durchgesetzt. So ist zum Beispiel die Rendite auf österreichischen Staatsanleihen am Montag auf einen neuen Tiefstand von 1,41 Prozent gefallen.

In den USA boomen sogar neue Subprime-Anlagen. Subprime stand in der Finanzkrise 2008 synonym für Kredite, die an Menschen ohne nennenswertes Einkommen oder Sicherheiten vergeben wurden. Massenhafte Pleiten bei diesen Krediten, die in komplexe Papiere zusammengebündelt wurden, haben zur weltweiten Krise beigetragen, weil sie Löcher in die Bilanzen von Banken gerissen haben. Diesmal werden die Mittel nicht nur für Häuser, sondern auch für Gebrauchtwagen lockergemacht. Zinsen von mehr als 20 Prozent sind keine Seltenheit, zeigen aktuelle Daten, doch viele Kreditnehmer sind außerstande, die hohen Belastungen zu stemmen. Daher warnen Ratingagenturen bereits vor den Risiken auf dem Markt. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 22.7.2014)

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  • Das neue Gebäude der EZB in Frankfurt ist noch nicht in Betrieb, neue geldpolitische Maßnahmen könnten nun dafür sorgen, dass weitere 800 Milliarden Euro an Liquidität ins System fließen.
    foto: reuters/kai pfaffenbach

    Das neue Gebäude der EZB in Frankfurt ist noch nicht in Betrieb, neue geldpolitische Maßnahmen könnten nun dafür sorgen, dass weitere 800 Milliarden Euro an Liquidität ins System fließen.

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