Die Erfindung der "Schlampe"

Kolumne24. Juli 2014, 07:00
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Er nimmt sich, sie gibt sich her: Noch immer wird die herrschende Sexualmoral gegen Frauen verwendet

Finden Sie auch, dass sich junge Frauen von heute viel zu freizügig verhalten? Dass sie allesamt besser daran täten, sich weniger promisk zu geben, um sich stattdessen auf das Wesentliche zu konzentrieren? Falls ja, dann liegen Sie damit voll im Trend. Gut, Sie sollten vielleicht nicht so weit gehen wie der muslimische Kleriker Kasem Sedighi, der 2010 einen direkten Zusammenhang zwischen "unangemessener Kleidung" von Frauen und Erdbeben herstellte.

Aber Frauen in sozialen Netzwerken als "Schlampen" und Ähnliches zu bezeichnen und ihnen anschließend ungefragt ein paar Ratschläge zur allgemeinen Lebensführung und zu ihrem Sexualleben zu erteilen, ist definitiv schwer im Kommen. 2013 wurde beispielsweise ein siebzehnjähriges Mädchen mit Häme und Beschämung bedacht, nachdem im Internet ein Foto von ihr auftauchte, auf dem zu sehen war, wie sie während eines Eminem-Konzerts in Irland an einem Mann Oralsex vollzieht. "Ekelhaft", "Schlampe", "Hure", "kriegt nur, was sie verdient hat" wurde anschließend kommentiert.

Wie kann sie nur!

Und dieses Jahr ist es eine Achtzehnjährige, die in einer mallorquinischen Bar für einen Cocktail an mehreren Männern Oralsex vollzogen hat, während andere die Szene mit ihren Handys filmten. Wie kann sie es nur wagen?!

Um der Sache einen zusätzlichen Dreh zu verleihen, springen jetzt auch außerhalb des virtuellen Prangers Leute auf den Schlampenzug auf. Der Bürgermeister des Ortes findet es grauenvoll. Der Partyveranstalter, der das Ganze angeleiert hat, hält die junge Frau für "widerlich" und vermutet ein Versagen der Eltern.

Und die Sängerin und TV-Jurorin Nicole Scherzinger hat auch etwas dazu zu sagen (Fragen Sie mich nicht, warum): "Ich denke, das ist erniedrigend, traurig, ekelhaft und der Grund dafür, warum Typen immer über 'Schlampen und Nutten' sprechen. Ich finde das alles unerträglich."

Selbstgefällig verurteilen

Unerträglich ist vor allem die Selbstgefälligkeit, mit der Scherzinger sich erlaubt, moralisch über die junge Frau zu urteilen. Darüber hinaus bringt sie einiges durcheinander. Ein solches Verhalten ist mitnichten der Grund für das misogyne, sexualisierte Repertoire an Bezichtigungen, mit der Weiblichkeit hier abgewertet wird. Vielmehr können grundsätzlich jene Frauen als "Schlampen und Nutten" bezeichnet werden, die sich sexuell auffällig oder unauffällig verhalten. Frauen, die sich jemandem sexuell zuwenden, aber nicht demjenigen, der das gerne für sich in Anspruch nehmen möchte (siehe Elliot R.).

Frauen, die sich einmal jemandem sexuell zugewandt haben, aber dann entschieden haben, damit aufzuhören (siehe Revenge Porn).

Frauen, mit denen man verwandt ist.

Frauen, die man nicht persönlich kennt. Kurz gesagt: Im Bedarfsfall können immer alle Frauen als "Schlampen und Nutten" bezeichnet werden. Aber selbst wenn ein wie auch immer geartetes Verhalten von Frauen einheitlich als gemeinsamer Nenner für ein solches Vorgehen identifiziert werden könnte, gäbe dies niemandem das Recht, Weiblichkeit abzuwerten. Tatsächlich besteht der gemeinsame Nenner jedoch aus der anmaßenden Auffassung, jemand anderes außer den Betreffenden selbst hätte darüber zu befinden, was und wie weibliche Sexualität zu sein hat.

Er nimmt sich, sie gibt sich her

Ein Mann mit häufigen Sexualkontakten ist ein Hengst und eine Frau mit entsprechender Erfahrung eine Schlampe. Er nimmt sich, erobert, kriegt sie dazu, ist erfolgreich. Sie gibt sich her, lässt mit sich machen, hat ein schlechtes Urteilsvermögen und scheitert darin, die sexuelle Kontaktmöglichkeit mit ihr exklusiver zu gestalten. Frauen so zu bezeichnen hat immer etwas mit Macht zu tun, mit der versuchten Einflussnahme auf einen Bereich, über den man gerne die Definitionshoheit hätte, obwohl sie einem nicht zusteht. Regierungschefin, Putzfrau, Ärztin, Kassiererin, Börsenmaklerin, Exfreundin, Physikerin, heimlicher Schwarm – sie alle werden in dem Versuch, ihrer ein Stück habhaft zu werden und Kontrolle gerade dann zu erlangen, wenn sie sich als selbstbestimmtes Individuum Kontrollversuchen entziehen, zur Schlampe erklärt.

Das ist der angesprochene Bedarfsfall. Dann sind Frauen plötzlich alle gleich. Und die da, die mich nicht (mehr) ranlässt, befördert wird, Macht hat, rumläuft, wie sie will, recht behält, Entscheidungen trifft, mich ignoriert und nicht mal um Erlaubnis fragt – die ist bestimmt auch so eine. Eine, bei der ich mir das Recht vorbehalte, die vorherrschende gesellschaftliche Sexualmoral gegen sie zu verwenden, damit die Menschen diskutieren, was sie falsch gemacht hat, anstatt darüber nachzudenken, dass ich es mit einem Wort schaffe, mein Bedürfnis verdeckt in den Vordergrund zu rücken. So als würde ich beim Schach die Umstehenden auf einen vorgeblich besonders miesen Zug meiner Gegenspielerin aufmerksam machen und dazu auffordern, ihn abfällig zu kommentieren, weil mir gerade erst aufgegangen ist, dass sie meine Dame schlagen kann und ich mit allen Mitteln verhindern will, dass ihr das auffällt.

Mit Männern ist das, wie gesagt, anders. Die haben in so einem Fall nur eine Frau dazubekommen, und tun, was sie wollen. Alles sehr nachvollziehbar. Oder wie ein Nutzer auf Facebook kommentierte: "Wenn das meine Tochter gewesen wäre, wäre ich am Boden zerstört und würde mich total schämen. Wenn das mein Sohn gewesen wäre, würde ich ziemlich wütend, aber verständnisvoll sein. Ich weiß, dass ihr Frauen denkt, es sei okay, sich in gleicher Weise daneben zu benehmen, aber das ist es nicht. Das wird es niemals sein."

Für so viel bigotte Ehrlichkeit muss man fast schon dankbar sein. Aber nur fast. (Nils Pickert, dieStandard.at, 23.7.2014)

  • Ein Teilnehmer eines "Slutwalk" in Berlin 2012. Ziel dieser "Schlampenmärsche" war, sich mit allen als Schlampen beschimpften Frauen zu solidarisieren.
    foto: ap/michael gottschalk

    Ein Teilnehmer eines "Slutwalk" in Berlin 2012. Ziel dieser "Schlampenmärsche" war, sich mit allen als Schlampen beschimpften Frauen zu solidarisieren.

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