Geldpolitik und Ramschpapiere: Der Zins ist kein Skalpell

Kommentar21. Juli 2014, 17:58
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Zentralbanken verstehen ihr Handwerk. Das muss man zumindest glauben, wenn man sich die Konsequenzen der Krise vor Augen führt

Die große Rezession, die Finanzkrise, der Lehman-Kollaps haben eines gelehrt: Zentralbanken verstehen ihr Handwerk. Das muss man zumindest glauben, wenn man sich die Konsequenzen der Krise vor Augen führt. Notenbanker bekommen immer neue Aufgaben der Aufsicht und Bankenkontrolle zugewiesen, die Bilanzsummen der US-Zentralbank Fed oder der Bank of England sind groß wie nie. Geht es nach internationalen Ökonomen, sollen die Währungshüter auch für Wachstum sorgen.

Zentralbanker suggerieren dabei gerne die chirurgische Präzision von Geldpolitik. Der ehemalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet jubilierte kurz vor seinem Abtritt, dass mithilfe seiner Politik die durchschnittliche Inflationsrate in der Eurozone mehr als zehn Jahre bei 1,97 Prozent lag. Die Freude über die zweite Nachkommastelle führt aber in die Irre. Der Zins ist ein sehr grobes wirtschaftspolitisches Werkzeug. Wo das zusätzliche Geld durch niedrige Zinsen am Ende ankommt, steuert nicht die Zentralbank, sondern Geschäfts- und Investmentbanken.

Und so kann es passieren, dass die EZB die Zinsen senkt, um - wie sie beteuert - die Kreditvergabe an die kleinen und mittelständischen Unternehmen zu fördern. Doch stattdessen kommen die Minizinsen woanders an. Ramschanleihen und höchst riskante Kredite boomen, an den Finanzmärkten werden neue Exzesse ausgemacht - und die ziehen womöglich die nächste Krise nach sich. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 22.7.2014)

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