Monument der Schande

Kolumne21. Juli 2014, 17:43
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Die Orbán-Regierung ließ ein Denkmal errichten, das Ungarn als unschuldiges Opfer des angreifenden deutschen Reichsadlers dargestellt 

Mit der nächtlichen Aufstellung eines umstrittenen, stilistisch monströsen Monuments im Herzen vom Budapest zum "Gedenken der Opfer der deutschen Besatzung" hat das nationalistische, rechtskonservative und mit einer Zweidrittelparlamentsmehrheit nach Gutdünken regierende Regime Viktor Orbáns eine symbolträchtige und auch international einzigartige, weil beispiellose Botschaft verkündet: Seine Regierung beansprucht die totale Deutungshoheit über den Holocaust im eigenen Land, über die Verantwortung für die Ermordung von fast 600.000 Juden. Ursprünglich hatte die Regierung unter Ausschluss der Öffentlichkeit entschieden, zum 70. Jahrestag des deutschen Einmarsches am 19. März 2014 ein riesiges Denkmal zu errichten: Ungarn, von Erzengel Gabriel verkörpert, wird als ein unschuldiges Opfer des angreifenden deutschen Reichsadlers dargestellt.

Nach empörten öffentlichen Protesten der überhaupt nicht konsultierten jüdischen Kultusgemeinde; zahlreicher Intellektueller, einschließlich 26 angesehener ungarischer Historiker gegen die Vermischung der Opfer und Täter und gegen die Weißwaschung des Horthy-Regimes von der Verantwortung für den Massenmord, wurde die Errichtung des Monuments zunächst vertagt. Nach den gewonnenen Wahlen und trotz täglicher Protestdemonstrationen seit mehr als hundert Tagen gegen den "schamlosen Kurs der Geschichtsfälschung" (so der Doyen der Holocaustforschung, Randolph L. Braham) wurden die Wünsche der jüdischen Gemeinde ignoriert und nun am Freiheitsplatz das Denkmal unter starkem Polizeischutz vollständig errichtet. Die angesehene Philosophin und Shoah-Überlebende Agnes Heller hat das ganze von der Regierung deklarierte Gedenkjahr samt dem Monument als eine Schändung der Erinnerung an die Opfer bezeichnet.

Zwar wurden die Deportationen tatsächlich erst nach dem deutschen Einmarsch begonnen. Auch für Ungarn gilt die Feststellung des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel: "Nicht alle Opfer waren Juden - aber alle Juden waren Opfer." Es gab Rettungsversuche, aber keinen Widerstand. Rund 200.000 Polizisten, Gendarmen, Beamte und Freiwillige hatten die Erfassung, Ghettoisierung und Plünderung von 835.000 Menschen (davon 100.000 getaufte Juden und "Mischlinge ersten Grades") und die Deportation von 437.000 Juden in sieben Wochen nach Auschwitz organisiert. Mit dem Denkmal schiebt die Orbán-Regierung die Schuld für die Auslöschung von zwei Dritteln des ungarischen Judentums ausschließlich den Deutschen in die Schuhe.

Der junge ungarische Historiker Krisztián Ungváry entlarvte in seinem letzten Werk Bilanz des Horthy-Regimes (1920-1944) mit neuen Details die Verantwortung des ungarischen Staates samt seiner politischen und wirtschaftlichen Elite für die Tragödie des ungarischen Judentums, die zugleich auch eine Tragödie des ganzen Ungartums gewesen ist. Anlässlich des leidenschaftlichen Denkmalstreits wäre es vielleicht nützlich, wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nach einem EU-Gipfeltreffen dem fast mit absoluter Macht regierenden Viktor Orbán eine gründliche Lektion hinsichtlich der Aufarbeitung der Vergangenheit erteilen würde. (PAUL LENDVAI, DER STANDARD, 22.7.2014)

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