Akademikerball: Schmauchspuren und Code "Sushi"

21. Juli 2014, 17:31
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Beim Prozess gegen den Studenten Josef S., der bei der Akademikerball-Demo gewaltsam gegen die Polizei vorgegangen sein soll, widersprechen Zeugen dem Ankläger 

Wien - Vor dem Wiener Straflandesgericht verteilt die Sozialistische Jugend "Free Josef S."-Buttons, im Gerichtssaal muss sich ebendieser Josef S. wegen versuchter, absichtlicher schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruchs als Rädelsführer und schwerer Sachbeschädigung verantworten. Zugetragen haben soll sich das im Jänner bei der Demonstration gegen den Akademikerball, den Burschenschafterball der FPÖ. Der 23-jährige Deutsche war dafür angereist und entschlägt sich auch heute der Aussage. Im drückend heißen Saal ist die Stimmung aufgeheizt, zahlreiche Sympathisanten sind gekommen, die dem Angeklagten zujubeln, als er vorgeführt wird. Seit Jänner sitzt er nun in Untersuchungshaft.

Seine Verteidiger haben ein chemisches Gutachten beantragt und die Untersuchung der Handschuhe gefordert, die Josef S. getragen hat. Es soll klären, ob der Angeklagte eine Brandbombe geworfen hat, was ihm Ankläger Leopold Bien vorwirft. Aber es finden sich tatsächlich Schmauchspuren auf dem rechten Handschuh, die "sehr wahrscheinlich von einem pyrotechnischen Gegenstand" stammen. Allerdings sei es auch möglich, dass die wenigen Nitritpartikel durch Angreifen eines Gegenstands oder vom Wind übertragen wurden, erklärt die Gutachterin. Rückschlüsse auf die Farbe der Rauchbombe können keine geschlossen werden, dazu seien es zu wenige Partikel. Rausgewaschen werden können die Spuren nicht, nur durch mechanische Prozesse, wie "etwa durch einen Teppichklopfer".

Keine Bestätigung durch Zeugen

Zerschlagene Schaufensterscheiben, demolierte Polizeiautos und eine verwüstete Polizeistation waren die Bilanz der gewalttätigen Auseinandersetzung bei der Demonstration. Jedoch konnte keiner der drei Entlastungszeugen - ein Kameramann und zwei Fotografen - bestätigen, dass der Angeklagte Steine oder einen Mistkübel geworfen habe. Der ORF-Kameramann filmte zwar die entscheidende Szene, in der der Angeklagte, erkennbar durch einen schwarzen Pulli mit dem Schriftzug "Boykott", einen rollenden Mistkübel aufhebt.

Die zentrale Frage, ob er diesen auch geworfen habe, kann der Zeuge nicht beantworten. Überhaupt seien ihm einzelne Personen nicht aufgefallen: "Alle waren schwarz gekleidet und vermummt."

Schwarzer Pullover

Ein STANDARD-Fotograf erzählt, dass die Demonstranten codierte Befehle wie "Sushi" gerufen haben. Daraufhin haben sie die Polizei von zwei Seiten eingekreist und in die Mangel genommen. Als er Klirren hörte, sei er Richtung Graben gerannt. "Die erste Scheibe habe ich gehört, die zweite habe ich fotografiert", sagt der Zeuge. Als er am Hof eintraf, war die Randale schon im Gange. Richter Thomas Spreitzer will wissen, ob ihm ein Demonstrant mit schwarzem "Boykott"-Pullover aufgefallen sei. "Nein", sagt der Zeuge, "er ist auch auf keinem meiner 700 Fotos zu sehen." Die Beschädigung der Polizeistation am Hof lasse sich durch den Zeitstempel der Fotos zurückverfolgen, auch ein Überwachungsvideo eines Juweliers am Graben wird von der Verteidigung herangezogen - Josef S. sei erst nach den Ausschreitungen am Hof eingetroffen.

Die Anklage stützt sich auf die Aussagen eines Zivilpolizisten, die Journalisten widersprechen aber den Darstellungen des Beamten. Bei seiner neuerlichen Einvernahme wiederholt der Polizist, dass der Angeklagte Pflastersteine geworfen, einen Mistkübel herausgerissen und eine Rauchbombe in ein Fahrzeug geworfen habe. Doch selbst ein Wega-Beamter, der ebenfalls als Zeuge geladen war, kann nicht bestätigen, dass Josef S. Gegenstände geworfen habe.

Dem Angeklagten drohen bis zu fünf Jahre Haft. Fortgesetzt wird am Dienstag. (Marie-Theres Egyed, DER STANDARD, 22.7.2014)

  • "Free Josef" fordern zahlreiche Unterstützer am Montag im Wiener  Landesgericht. Der Angeklagte, der seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft  sitzt, entschlägt sich erneut der Aussage.
    foto: fischer

    "Free Josef" fordern zahlreiche Unterstützer am Montag im Wiener Landesgericht. Der Angeklagte, der seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft sitzt, entschlägt sich erneut der Aussage.

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