Im Bett mit Charles Manson

21. Juli 2014, 17:05
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Alex Chilton war Weltstar mit 16 und Kultfigur mit 30. Er war Punk, Traditionalist und Avantgardist. Sein Werk beeinflusste Legionen von Rockbands. Doch die nun erschienene Biografie "A Man Called Destruction" wird ihm und seinen Hinterbliebenen kaum gerecht

Wien - Wenn Tellerwäscher einen Kellnerjob angeboten bekommen, nehmen sie ihn in der Regel an. Bedeutet das doch doppeltes Gehalt oder mehr. Nicht Alex Chilton. Selbst als der Musiker in nicht so goldenen Zeiten in New Orleans Töpfe und Pfannen schrubbte, blieb er stur. Lieber in Ruhe wenig verdienen als mit Stress mehr. Aber gut, Chilton war auch der einzige Mensch, der nach New Orleans gezogen war, um trocken zu werden und von Drogen loszukommen. So war er. Je dicker die Wand, desto härter sein Schädel.

Alex Chilton war ein US-amerikanischer Musiker, der den Legendenstatus noch zeitlebens einnahm. Er war Teenie-Star in den der 1960ern, galt als Erfinder des Power-Pop mit Big Star zu Beginn der 1970er, er torkelte durch die New Yorker Punk-Ära und vermählte sie mit ruralem Irrsinn und hinterließ der Welt zeitlos gültige Sichtungen von Südstaatenmusik. Hybride aus Country, Soul, Gospel, Surf, Pop, Jazz. In ein, zwei Schritten aufgenommen, fertig. 2010 starb er - mit nur 59 Jahren. Holly George-Warren hat eine Biografie über ihn verfasst. Betitelt ist sie nach einem seiner Alben: A Man Called Destruction.

Chilton wurde in eine so liberale wie verantwortungslose Südstaatenfamilie hineingeboren. Die längliche Herleitung des Familienstammbaums zu Beginn des Buches ist wohl dem US-amerikanischen Phänomen der familiären Spurensuche in der Alten Welt zuzuschreiben - in diesem Fall wirkt es gänzlich obskur.

William Alexander Chilton wurde 1950 in Memphis, Tennessee, geboren. Das war damals einer der besten Orte, um Musik zu absorbieren. Elvis wohnte in der Nachbarschaft, die beste Soul Music gab's schräg gegenüber, zukünftige Legenden an jeder Hausecke. Alex Chilton sollte eine davon werden.

Schon als Teenager betrat er die Welt des Showbiz, wurde Sänger der Box Tops, deren Blue-Eyed-Soul berühmt wurde, als Chilton The Letter sang. Das Lied dauert keine zwei Minuten und wurde ein Welthit. Damals war er 16. Die Box Tops tourten wie die Ochsen durch die USA und spielten mit den Doors oder den Beach Boys. So kam es, dass Chilton eines Tages neben Charles Manson aufwachte, als er bei Beach Boy Dennis Wilson zu Gast war.

Der ewige Kritikerliebling

Nach wenigen und für Chilton wenig lukrativen Jahren mit den Box Tops endete deren Karriere 1970. Mit Big Star ging er neue Wege. Deren drei 1970er-Jahre-Alben beeinflussten Legionen von Bands - von R.E.M. abwärts - und machten Chilton immerhin zum Kritikerliebling, am Markt hinterließen sie keinen Eindruck.

Mit Big Star suchte er neben den naheliegenden Noten sein Glück. George-Warren bietet zu dieser Ära umfangreiches Zeitzeugenmaterial, vor allem bezüglich des mythisch behandelten Albums 3rd. So entsteht das Porträt eines sensiblen, selbstgerechten, zwischen Genie und Arschgeige schwankenden Mannes, der jederzeit einen Popsong aus dem Ärmel schütteln konnte - um ihn gleich darauf wieder zu zerstören.

Neben den sich wiederholenden Selbstbeschädigungen seiner Karriere frönte Chilton, so erfahren wir, zeitlebens dem Tennisspiel. Er baute zwei uneheliche Kinder an, war arm und obdachlos oder wohnte im Zelt. Er vertraute der Astrologie und Wilhelm Reichs Theorien zum Thema Sex. Er verdingte sich als Gärtner, tingelte als Oldie-Act, während andere Bands mit seinen Liedern in den Charts waren. Das Unstete seines Lebens spiegelte sich in seiner Kunst wider. Doch sein Dekonstruktivismus zeitigte eine Hinterwäldler-Avantgarde, die selbst in New York für Aufregung sorgte.

Dort lungerte Chilton in der zweiten Hälfte der 1970er in der Punkszene herum, produzierte Alben der Cramps und versuchte am Existenzminimum seine eigene Karriere voranzutreiben. Dabei fielen schräge Meisterwerke wie Like Flies on Sherbert (1980) ab sowie Alben, die der Zeit in ihrer Zerrissenheit um ein gutes Jahrzehnt voraus waren. Punk und dessen Scheiß-drauf-Haltung entsprachen Chiltons Wesen, und im Verein mit Bands wie Tav Falco's Panther Burns beförderte dieses Wesen einige Meisterwerke in der Schnittmenge von Tradition und Wahnsinn: Tav Falcos Behind the Magnolia Curtain oder Shocked & Amazed der Koolkings, einem Projekt des heutigen Swans-Gitarristen Kristof Hahn.

Faktische Fehler

Diese Phase interessiert Holly George-Warren leider kaum oder nur bezüglich der späten Anerkennung von Big Star, die sich in diversen monetär motivierten Reunions äußerte. Chilton, behauptet sie zudem, wäre damals abstinent gewesen; wer seinen Auftritten in Wien beiwohnte, weiß das besser.

Gegen Ende des Buches schleichen sich faktische Fehler wie falsche Albentitel ein. Schlimmer noch: Die Behauptung, dass die Mutter des Gitarristen George Reinecke während ihrer Schwangerschaft illegale Medikamente genommen hätte, die seine missgebildete Hand verursacht hätten, sind laut diesem schlicht falsch.

Auch soll die Autorin nie mit Chiltons Witwe Laura gesprochen haben, und so manche ihrer Interpretationen werden als Wahrheit behandelt. Der Mythos Chilton hätte das nicht gebraucht, seine Hinterbliebenen und Freunde ebenso wenig. Bleibt, neben diesem halbherzigen Versuch, Chiltons Musik.

Diese ziert sich wie eh und je, in all ihrer seltsamen Pracht. (Karl Fluch, DER STANDARD, 22.7.2014)

Holly George-Warren: "A Man Called Destruction" (Viking)

  • Alex Chilton Ende der 1980er-Jahre. Eine Zeit, die seine Biografin Holly George-Warren leider wenig beachtet.
    foto: new rose

    Alex Chilton Ende der 1980er-Jahre. Eine Zeit, die seine Biografin Holly George-Warren leider wenig beachtet.

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