Wissenschaftsrat plädiert für Reform des Gutachtersystems 

21. Juli 2014, 14:04
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 "Stößt schon lange an seine Grenzen und geht zulasten des Forschungssystems"

Wien - Kritik an der "wachsenden Zunahme von überbordend besetzten und immer häufiger eingesetzten Gutachterkommissionen, von administrativ und finanziell aufwendigen Evaluationsverfahren ohne Konsequenz und dem inflationären und unreflektierten Einsatz von Bilanzen, Ratings und Rankings in der Wissenschaftsbewertung" übt der Wissenschaftsrat. Neu justiert werden müsse das Drittmittelwesen.

In einer Stellungnahme zur Messung und Beurteilung von Qualität in der Forschung hält der Rat eine Entlastung des Gutachtersystems für nötig: "Das Gutachtersystem stößt schon lange an seine Grenzen und geht mittlerweile zu Lasten des Forschungssystems", heißt es etwa. Ein großer Teil des Forschungspotenzials sei heute im Begutachtungswesen gebunden. Das fange bei der Zahl der Gutachter bei den Promotionen an, setze sich bei der Zahl der Gutachter bei beantragten Forschungsprojekten fort und ende in großen Gutachtergremien auf regionaler und nationaler Ebene. Der hohe Aufwand an Begutachtungsressourcen diene "eher Legitimations- als Qualitätsgründen". "Mehr Aufmerksamkeit sollte statt einer möglichst großen Zahl von Gutachtern der Qualität einer kleinen Zahl von Gutachtern gewidmet werden."

Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren

Für die Beurteilung von Forschungsqualität empfiehlt der Rat eine Kombination aus qualitativen Verfahren wie dem Peer-Review-System und quantitativen Messungen wie etwa bibliometrischen Daten, Wissensbilanzen oder Rankings. Dieses "informed peer review-Verfahren" müsse fächer- und disziplinenspezifische Unterschiede berücksichtigen. Für ein solches Verfahren müssten "Drehbücher" zwischen Unis und Ministerium entwickelt werden. "Zurückgefahren" werden sollte dagegen das Instrument der Wissensbilanz: Dieses stelle ein "ausschließlich quantitatives Verfahren zur Leistungsmessung dar und bietet nur wenig Handhabe für eine wirkliche Qualitätsbeurteilung". In den Wissensbilanzen halten etwa die Unis derzeit ihre Leistungen fest, unter anderem werden Kennzahlen wie Berufungen, Frauenquoten, Drittmittelerlöse oder die Zahl der Studienabschlüsse dargestellt. Diese Kenndaten bilden auch eine Grundlage für die Uni-Finanzierung.

"Neu justiert" werden sollte nach Ansicht des Rats das Drittmittelwesen. Drittmittel würden zwar vor allem bei der Förderung von Spitzenforschung und bei hochkompetitiver Vergabe ein wichtiges Element der Forschungsförderung darstellen. "Sie verlieren diese Bedeutung, wenn sie zu einem großen Teil der Kompensation sonst fehlender Mittel dienen und ihre reine Quantität schon als Ausweis wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit angesehen wird."

Mehr Geld für die Universitäten

Für Österreich bedeute diese Neujustierung, "die chronische Unterfinanzierung der Universitäten aufzuheben, um zu verhindern, dass Drittmittel zweckentfremdet für die Grundbedürfnisse von Forschung und Lehre eingesetzt werden, zugleich aber die Mittel des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) für die Spitzenforschung wesentlich zu erhöhen. Nur so kann die Einwerbung von Mitteln in Beurteilungszusammenhängen wieder als Indikator für wirkliche Spitzenforschung dienen."

Schließlich müssten auch die durchgeführten Leistungsmessungen und -beurteilungen Konsequenzen haben. "Ohne Konsequenzen gehen Prüfprozesse ins Leere." Als positives Beispiel für folgenreiche Evaluierungen sieht der Rat etwa die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) mit der Schließung von Instituten nach erfolgter negativer Beurteilung. (APA, 21.07.2014)

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