Das Comeback der Sonderschule in Österreich

7. August 2014, 05:30
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Die Zahl der Schüler mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" steigt kontinuierlich. Behindertenanwalt Buchinger sieht dahinter finanzielle Interessen der Schulen und fordert "rasches" Handeln seitens der Politik

Die Zahl der Schüler mit "sonderpädagogischem Förderbedarf", kurz SPF, steigt in Österreich sowohl an den Sonderschulen als auch an allgemeinen Schulen kontinuierlich. Besonders eindeutig zeichnet sich diese Entwicklung an den polytechnischen Schulen ab. Im Schuljahr 2000/01 wurden an den "Polys" noch 275 Schüler für sonderpädagogisch förderungswürdig befunden. 2010/11 waren es 676, im Jahr 2012/13 bereits 927. Innerhalb von zwölf Jahren hat sich die Zahl der SPF-Schüler an den Polys somit mehr als verdreifacht.

Zahl der SPF-Schüler steigt

Österreichweit galten im Schuljahr 2000/01 insgesamt 26.972 Schüler als sonderpädagogisch förderungswürdig, 2012/13 waren es schon 29.793. Fast die Hälfte von ihnen, 13.809, lernten an Sonderschulen – Tendenz steigend. Im Schuljahr 2010/11 wurden mit 13.198 Schülern noch deutlich weniger Schüler an Sonderschulen unterrichtet.

Burschen sind mit einem Anteil von 65 Prozent an Sonderschulen übrigens ebenso überrepräsentiert wie Kinder mit Migrationshintergrund. Das zeigt ein Bericht der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation. Das Comeback der Sonderschulen läuft der UN-Behindertenrechtskonvention zuwider, zu der sich auch Österreich bekennt. Im Artikel 24 heißt es, es sei innerhalb des allgemeinen Bildungssystems sicherzustellen, dass Menschen nicht aufgrund einer Behinderung davon ausgeschlossen werden.

Krasse Unterschiede zwischen Bundesländern

Ein Blick auf die Schulen im allgemeinen Bildungssystem zeigt, dass der Anteil der Schüler mit SPF von Bundesland zu Bundesland stark variiert. Im Schuljahr 2012/13 wurden in Wien 6,7 Prozent aller Schüler für sonderpädagogisch förderungswürdig befunden, gefolgt von Vorarlberg (6,1 Prozent) und Kärnten (6 Prozent). Mit 3,8 Prozent haben Tirols Schüler den geringsten SPF-Bedarf. Das Risiko, den Befund SPF zu erhalten, ist also in Wien und Vorarlberg bedeutend größer als in Tirol.

Österreichweit betrachtet, sind zwei Prozent der Volksschüler, 3,7 Prozent der Hauptschüler, 4,6 Prozent der Neuen Mittelschüler sowie 5,5 Prozent der Schüler an polytechnischen Schulen sonderpädagogisch förderungswürdig.

Kritik an Diagnoseverfahren

Die Feststellung von SPF ist umstritten, da das entsprechende Verfahren nicht standardisiert ist. Außerdem, so der Vorwurf vieler Behindertenorganisationen, werde SPF im Lauf der Pflichtschulzeit oft auch ungerechtfertigt zugesprochen. "SPF wird im Unterschied zur ursprünglichen Absicht des Gesetzgebers nicht nur für Kinder mit diagnostizierten intellektuellen und psychischen Beeinträchtigungen vergeben, sondern – genau genommen gesetzeswidrig – auch für Kinder mit sprachlich-kulturellen Anpassungsschwierigkeiten und für emotional-sozial benachteiligte Kinder", sagt Bernhard Schmid, Generalsekretär der Lebenshilfe Wien. Schüler mit SPF bedeuten auch mehr Geld für die Klasse. Sie ermöglichen außerdem kleinere Klassengrößen und zusätzliche Personalressourcen.

Mehr Geld für SPF-Schüler

Diesen Systemfehler ortet auch Tobias Buchner vom Wiener Institut für Bildungswissenschaft. Schulen würden SPF-Diagnosen brauchen, um mehr Ressourcen zu bekommen. Studien zeigten ein "gewisses Maß an Willkür bei der Diagnose", sagt Buchner. Betroffen seien davon vor allem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Schichten. "Wir bezeichnen dieses Phänomen als institutionelle Diskriminierung", sagt Buchner zu derStandard.at.

Die Diagnose SPF sei vielfach nicht hilfreich, sondern würde im Gegenteil aus Sicht der Betroffenen eine Barriere darstellen. Der Stempel "SPF" wirke sich häufig auch im sozialen Miteinander problematisch aus, erklärt Buchner.

Buchinger ortet "raschen Handlungsbedarf"

Behindertenanwalt Erwin Buchinger will das Stigma "SPF" am liebsten gänzlich aus den Schulklassen verbannen. Es sei diskriminierend, und wer einmal SPF zugesprochen bekomme, werde diese Punzierung sehr schwer wieder los, sagt Buchinger zu derStandard.at. Auch er hegt den Verdacht, dass Kinder von Migranten besonders rasch SPF zugeschrieben bekommen.

Dass manche Schulen aus budgetären Gründen ein Interesse hätten, SPF-Befundungen zu erwirken, führt auch Buchinger ins Treffen. Aus seiner Sicht herrscht daher "rascher Handlungsbedarf" für die Schulverwaltung.

"Stempel SPF" aus Zeugnissen verbannen

Das Fördermodell müsse reformiert werden, das Sonderbudget dürfe nicht mehr von einzelnen SPF-Schülern abhängig gemacht werden, sagt der Behindertenanwalt. Eine entsprechende Reform des Systems solle in den Finanzausgleichsverhandlungen aufgenommen werden.

Geht es nach Buchinger, könnten Fördergelder künftig etwa nach soziodemografischen Merkmalen in einzelnen Regionen vergeben werden. Kurzfristig wünscht er sich, dass der "mächtige Stempel SPF" nicht länger in den Zeugnissen ersichtlich ist. Darüber hinaus fordert er von der Politik einen Fahrplan zur Schließung der Sonderschulen.

Schaffraneck: Leistungsdruck extrem hoch

Walter Schaffraneck, Geschäftsführer von Jugend am Werk, führt den Anstieg an sonderpädagogisch förderungswürdigen Schüler auf die gestiegenen Anforderungen an Jugendliche "insbesondere am Arbeitsmarkt" zurück. "Der Leistungsdruck ist schon in jungen Jahren extrem hoch, und immer komplexere Arbeitsabläufe erfordern ein immer höheres Maß an Wissen, Fertigkeiten und Schnelligkeit. Immer mehr Jugendliche kommen da einfach nicht mehr mit", sagt Schaffraneck.

Dass es Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer haben, zeigt ebenfalls die Statistik. Während im Jahr 2013 durchschnittlich 7,6 Prozent der Bevölkerung arbeitslos waren, traf die Arbeitslosigkeit 16,5 Prozent der Menschen mit Behinderung. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 6.8.2014)

Kommentar von Lisa Nimmervoll: Wir sind die Anderen

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