Die alte aktuelle Sache mit den öffentlichen Toiletten

Blog21. Juli 2014, 11:59
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Warum der Gang zur Toilette für einige von uns tatsächlich zur Qual (der Wahl) wird - Teil eins eines neuen dieStandard.at-Blogs

Vor kurzem bin ich hier auf einen Kommentar einer trans*-weiblichen Verfasserin gestoßen, in der diese über ein vielen Trans*-Leuten altbekanntes Problem schreibt: die Sache mit den öffentlichen Toiletten, bei denen mensch vor die Wahl zwischen nach Geschlecht getrennten Räumen gestellt wird. Aus den Forumsbeiträgen ging hervor, dass wenig Verständnis für die dort beschriebene Problematik besteht – dies legt natürlich die Vermutung nahe, dass die Postings nicht gerade von Trans*-Personen verfasst wurden. Und zugegeben: Es ist mitunter nicht leicht vorstellbar, dass eine so simple Angelegenheit so kompliziert werden kann.

Herrentoilette oder Damentoilette

Hier möchte ich also anhand zweier kurzer Episoden veranschaulichen, wie solche Situationen in einer noch sehr harmlosen Form aussehen können und wieso die Sache mit den Toiletten eben immer wieder ein Dilemma und leider kein selbsterfundenes Problem darstellt.

Eigentlich eine ziemlich banale Situation: Im öffentlichen Raum unterwegs, und die Blase meldet sich. Okay, dann sucht mensch sich eben einen Ort fürs dringende Geschäft. Das Problem dabei: "mensch" findet in der Öffentlichkeit leider kaum einen solchen Ort. Ein Blick auf die meisten Klotürpaare macht klar, dass "man(n)" auf die Herrentoilette und "frau" auf die Damentoilette geht. Was tut "mensch"? Wie so oft: sich entscheiden.

Nun gut, denk ich mir neulich in einem an sich netten Berliner Beisl, mich nach ein paar Bier konsequenterweise in jener Lage befindend. Geh ich also aufs Typenklo, als (Trans*)Typ. Logisch.

Aber leider nicht dementsprechend einfach ...

foto: mike

Einige Tage später bin ich wieder in Wien unterwegs und werde auch hier kaum fündig, was Klosetts angeht, die einem keine Einteilung in eine Geschlechtskategorie abverlangen, sondern lediglich ihren eigentlichen Zweck erfüllen. Nach der Geschichte in Berlin bekomme ich jedoch ein mulmiges Gefühl, als ich aufs Männerklo zusteuere.

Na ja, wenn ich offenbar noch nicht so gut durchgeh als Typ, dann wähl ich eben diesmal, wenn auch wehmütig, das Frauenklo. Weil's unkomplizierter ist und ich, bei allem Kampfgeist für die Anerkennung meiner Geschlechtsidentität, verdammt noch mal einfach nur aufs Klo muss. Etwas gesenkten Hauptes wechsle ich also den Kurs und starte meinen kurzen Besuch auf den anderen Ort, jedoch mit ähnlichem Ergebnis ...

foto: mike

Fazit: Such's dir aus, lieber Trans*-Mensch, der etwa noch nicht so gut durchgeht und/oder sich einfach nicht einordnen will: auf welchem angeblich stillen Ort willst du unangenehmen Situationen ausgesetzt sein – statt einfach nur ungestört zu tun, was die meisten sonst so am Klo machen?

Noch mal Glück gehabt

Klar, nicht immer schauen meine Besuche auf öffentlichen (Herren-)WCs so unfriedlich aus, vermutlich weil die meisten Leute zum Glück davon ausgehen, dass die anderen Besucher*innen des Klos ohnehin dem Geschlecht angehören, für welches dieses vorgesehen ist. In dem Sinne also ein Hoch auf unsere Erwartungshaltung.

Auf dieses Glück kann jedoch nicht immer gezählt werden: Wie im oben erwähnten Kommentar bereits beschrieben, kommt es immer wieder zu gewaltvollen Übergriffen auf Trans*-Leute, die in den Augen anderer die "falsche" Toilette aufsuchen – oder die "falsche" Kleidung tragen, das "falsche" Benehmen an den Tag legen oder sonst etwas tun, was die Norm ihnen verbietet.

Da fühlt sich ein vorfallsloser Toilettenbesuch, bei dem mensch nicht "erwischt" wurde, gleich zweimal erleichternd an. Nur dass der zweiten Art von Erleichterung ein Druck vorausgeht, der gar nicht erst da sein müsste. (Mike, dieStandard.at, 21.7.2014)

Zur Person und zum Blog

Der Blog trans.gender.trouble erscheint wöchentlich am Montag.

Zur Erklärung

Der * und auch der Unterstrich (Leser_innen) stellen Varianten der gendergerechten Sprache dar. Dabei soll auf die herrschende Zweigeschlechtlichkeit hingewiesen werden. Ebenso soll es zeigen, dass es nicht nur Menschen gibt, die sich als Frau oder Mann verstehen und dass Geschlechterrollen im Laufe eines Lebens nicht immer gleich bleiben.

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