"Gekämpft und ihren Auftrag erfüllt"

21. Juli 2014, 05:30
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Der Zeitgeschichtler Wolfgang Etschmann widerspricht dem Geschichtsbild, dass das Heer der Ersten Republik zwar auf Arbeiter geschossen, gegen Nazis aber nichts gekämpft habe

STANDARD: Es wird ja immer wieder behauptet, das Bundesheer habe versagt, weil es sich den Nazis nicht entgegengestellt habe. Für 1934 gilt das wohl nicht?

Etschmann: Für den Juli 1934 stimmt das jedenfalls nicht: Da hat das Bundesheer in mehreren Bundesländern gegen die Aufständischen gekämpft und seinen Auftrag erfüllt.

STANDARD: Wobei man sagen muss: Es ist immer die Voraussetzung, dass das Bundesheer den politischen Auftrag bekommt. 1934 war das der Fall, 1938 nicht.

Etschmann: Das Bundesheer handelt auftrags- beziehungsweise befehlsgemäß. Die Politik hat damals den Auftrag an das Bundesheer und an die regierungstreuen Wehrverbände sowie Polizei und Gendarmerie gegeben. Diese Organisationen haben alle gegen die nationalsozialistischen Aufständischen gekämpft und ihren Auftrag erfüllt.

STANDARD: Warum hat die Niederschlagung des Juliaufstands in der zeitgeschichtlichen Betrachtung so wenig Bedeutung?

Etschmann: Es passt nicht so ganz ins Schema der Einschätzung des Ständestaates. Man weiß sehr viel über den Februar 1934, den Artillerieeinsatz "gegen die Arbeiter", wobei der Schutzbund sehr wohl eine paramilitärische Organisation war. Die Facette eines Artillerie- und Granatwerfereinsatzes gegen die Nationalsozialisten, den es auch gab, kennt man kaum.

STANDARD: Diese Kämpfe haben mehrere Tage gedauert?

Etschmann: Ja, die weitaus schwersten waren in der Steiermark und in Kärnten und ein größeres Gefecht am Pyhrnpass. Dieses hatte eine interessante Geschichte, hier fällt der Kommandant einer Kampfgruppe, Major Chravát, im Gefecht. 1982/83 gab es die Überlegung, die mittlerweile aufgelassene Kaserne in Kirchdorf an der Krems nach ihm zu benennen. Man hat das nicht gemacht, weil der deutsche Militärattaché in den 1930er-Jahren einen Hinweis gegeben hat, dass Chravát Nationalsozialist gewesen sei. Das ist aber durch die Forschung nicht belegt worden.

STANDARD: Es ist ja überhaupt schwierig, Motive und Gesinnungen der Menschen in den 30er-Jahren genau zuzuordnen. 1934 war das Bundesheer insgesamt regierungstreu, auch wenn es dort Antidemokraten, Deutschnationale und Nazis gegeben hat. Die Nazis hatten es noch nicht unterwandert?

Etschmann: Der Prozentsatz im Juli 1934 war, soweit man das heute nachvollziehen kann, noch sehr gering und ohne Einfluss - das ändert sich bis zum März 1938, wo der Zulauf zum NS-Soldatenring sich verstärkt. Da waren eine größere Anzahl von jüngeren Offizieren und einige höhere Offiziere dabei.

STANDARD: Das ist jetzt natürlich Spekulation: 1938 hätte Österreich Deutschland ein mehr als symbolisches militärisches Potenzial entgegenzusetzen gehabt, es gab den Jansa-Plan und die Planungen von General Zehner - aber wäre die Einsatzbereitschaft im Frühjahr 1938 gegeben gewesen?

Etschmann: Ich glaube, sie wäre zum großen Teil gegeben gewesen. Es ist allerdings die Frage, wie das bei einzelnen Verbänden ausgesehen hätte. Der Aufmarsch hätte funktioniert. Das Problem war allerdings, dass zu diesem Zeitpunkt in der Steiermark schon diese riesigen Demonstrationen - Stichwort: Graz als Stadt der Volkserhebung - waren, wo man starke Bundesheerkräfte zur Sicherung gegen zu erwartende Unruhen hinverlegen musste. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 21.7.2014)

Wolfgang Etschmann (61) war Leiter des militärwissenschaftlichen Instituts am Heeresgeschichtlichen Museum, ehe er 2011 ans Institut für Human- und Sozialwissenschaften der Landesverteidigungsakademie (LVAK) kam.
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