"Quellen des Lebens" auf ARD: Deutschland, ein Irrenhaus

20. Juli 2014, 17:29
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Oskar Roehler ergrünete mit dem Film über seine Herkunft die deutsche Seele

Seit die deutsche Nationalmannschaft Fußball-Weltmeister ist, glaubt die halbe Welt, die deutsche Seele anhand des Verhaltens einer Handvoll Profisportler ergründen zu können.

Hilfreicher dürfte da "Quellen des Lebens" sein, Oskar Roehlers Verfilmung seiner Herkunft, welche in der TV-Fassung Samstag auf ARD zu sehen war. Fast drei Stunden arbeitet sich Regisseur Roehler an der eigenen Geschichte ab – und wie nebenbei auch an der deutschen. Realismus und Verhältnismäßigkeit sind dabei seine Sache nicht. Das hier ist die Freakshow Nachkriegsdeutschlands, grell ausgeleuchtet.

Los geht es mit Jürgen Vogel als Großvater des Erzählers Robert, der als Karikatur eines Kriegsheimkehrers "Draußen vor der Tür" als Ein-Personen-Stück zu geben scheint. Während er vom Altnazi zum vom Wirtschaftswunder beseelten Gartenzwergfabrikanten avanciert, verliebt sich Moritz Bleibtreu als sein Sohn Klaus in die himmelschreiend unsympathische, da maßlos egozentrische Gisela (die Lavinia Wilson aus sich her auszuholen scheint wie andere den Schleim tief aus der Lunge, um ihn auszuspucken).

Man befindet sich nun in der Ära der 68er. Durch Berlin geht eine Mauer, und man träumt davon, Kaufhäuser in die Luft zu sprengen. Durch diese Welt bahnt sich Klaus’ und Giselas sträflich vernachlässigter Sohn Robert seinen Weg. Am Ende sitzt er nebst Freundin am Strand von Italien und schaut aufs Meer. Sein Ellenbogen berührt sacht ihren Arm – und eigentlich ist völlig egal, ob sie aus Deutschland kommen, aus Italien oder sonst woher.

Diese Schlussszene ist reinster Kitsch – und sie hat recht: Am Ende zählt vielleicht nur, wer neben einem sitzt, wenn man in die Zukunft schaut. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 21.7.2014)

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    foto: ard
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