Psychische Erkrankungen kosten doppelt

20. Juli 2014, 17:39
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Forscher und OECD fordern gezielte Programme der Politik und warnen vor wirtschaftlichen Kosten psychischer Erkrankungen

London/Paris/Wien - "Der Fall ist klar, die Regierungen haben noch viel zu tun." Für David Clark, Professor für experimentelle Psychologie an der Universität Oxford, steht ein großes Versäumnis westlicher Gesundheitspolitik fest: Im Bereich psychischer Erkrankungen gebe es viel Handlungsbedarf: mehr Therapiemöglichkeiten, weniger rein medikamentöse Eingriffe und eine breitere Verfügbarkeit von Betreuung auch für "leichtere" Fälle wie Depressionen und Angstzustände.

Dabei bezieht sich Clark nicht nur auf medizinische Argumente. "Mehr psychologische Behandlungen wären gerade im Interesse der Finanzminister in den Industrienationen", sagt Clark im Gespräch mit dem Standard.

Mit dieser Einschätzung weiß er auch die OECD hinter sich. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat in einer Studie, die Anfang des Monats vorgestellt wurde, die Gesamtkosten für psychische Erkrankungen in den Industrieländern auf rund vier Prozent der Wirtschaftsleistung beziffert. Auf Basis von Daten aus dem Jahr 2010 summieren sich die Kosten auf 1842 Milliarden Euro weltweit. Auch in Österreich liegen die Kosten demnach bei einer zweistelligen Milliardensumme. Rund jeder fünfte OECD-Bürger leide aktuell an einer psychischen Erkrankung.

"Betreuung nutzt doppelt"

Geht es nach Clark, ließen sich diese enormen wirtschaftlichen Kosten allerdings gezielt senken. Mögliche Kosten für psychologische Betreuung würden vom Nutzen mehr als überwogen. "Das Mehr an Betreuung nützt gleich in doppelter Hinsicht", sagt Clark. Einerseits führte sie effektiv dazu, dass andere Kosten im Gesundheitssystem deutlich gesenkt werden. Denn Patienten mit psychischen Leiden haben meist auch andere Beschwerden, die das Gesundheitssystem teuer kommen. Clark etwa hat für depressive und nichtdepressive Patienten die Therapiekosten für Herzerkrankungen, Rückenschmerzen, Asthma oder Epilepsie verglichen. Die Kosten liegen in manchen Fällen doppelt so hoch.

Ein zweiter Effekt wiegt vielleicht sogar noch schwerer. Denn psychische Erkrankungen kommen vor allem bei Menschen im Erwerbsalter vor (dort machen sie sogar jeden zweiten Krankheitsfall aus). Erfolgreiche Therapien könnten also über reduzierte Krankenstände, höhere Produktivität und mehr Kreativität auch ökonomisch mehr bringen, als sie kosten, glaubt Clark: "Wenn der Staat mit guten Programmen die Erwerbsquote erhöht, hat das wichtige Folgen für Steuereinnahmen." In einem Beitrag schreibt Clark sogar in einer aktuellen Studie: "Mehr psychologische Therapie würde nichts kosten."

Wichtige Prävention

Ein Ausbau des Betreuungsangebots könnte auch präventiv wirken. Stress, Existenzängste und ein höherer Erfolgsdruck im Zuge der jüngsten Wirtschaftskrise könnten sich bald in den Statistiken niederschlagen, warnt Clark. "Eine gute Versorgung mit psychologischer Betreuung würde die Bevölkerung auch belastbarer für die Zukunft machen." In ihrer Studie kommt auch die OECD zu dem Ergebnis, dass in die Prävention und langfristige Betreuung zu wenig Mittel fließen. Die Betreuung sei "quer durch die OECD-Staaten" ausbaufähig. (sulu, DER STANDARD, 21.7.2014)

  • Mehr Betreeungsangebot statt rein medikamentöser Behandlung. Psychologen und Ökonomen orten viel Spielraum, um die Belastung durch psychische Erkrankungen zu senken
    foto: ap/david goldman

    Mehr Betreeungsangebot statt rein medikamentöser Behandlung. Psychologen und Ökonomen orten viel Spielraum, um die Belastung durch psychische Erkrankungen zu senken

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