Festspiele der Improvisation

20. Juli 2014, 16:43
1 Posting

Im Rahmen der 35. Nickelsdorfer Konfrontationen wurde viel freie Improvisation serviert. Und auch orientalischer Dance-Pop

Nickelsdorf - An sich sind ja die Jahre vorbei, in denen die Nickelsdorfer Konfrontationen als etwas musealer Ort zur Pflege der Free-Jazz-Tradition galten. Seit den späten 1990ern waren Soundelektronik, Free Punk und - nebst vielem anderem - sogar der experimentelle Hip-Hop von Dälek in Hans Falbs Gastgarten zu hören. Diese Gegenwartsorientierung tat dem Festival spürbar gut.

2014 war aber zumindest an zwei Tagen wenig davon zu bemerken. Insbesondere am Samstag wurde ein Programm geboten, das man genau so auch vor 25 Jahren in Nickelsdorf hätte hören können: fünf Konzerte, fünfmal freie Improvisation. Gedanken an eine Dramaturgie und an Kontraste sollten aber auch in Nickelsdorf nicht verboten sein!

Was nicht bedeutet, dass die Konfrontationen nicht auch wieder Hochkarätiges zu bieten hatten: Larry Ochs etwa erwies sich am Saxofon als umsichtiger Architekt organisch entwickelter Linien, die einmal an Albert Ayler erinnernde Expressivität atmeten, dann reduziert, leise, beinahe fragil tönten. Schlagzeuger Donald Robinson war als hellwacher, mit beschwingtem Drive agierender Gesprächspartner zur Stelle.

Das Berliner Quartett Grid Mesh entwickelte Musik von brodelnder, hochkonzentrierter Nervosität, wobei sich die Bläser Frank Paul Schubert und Johannes Bauer als spannende Antipoden erwiesen: Mikrotonale Filigranität und rastlose Impulsketten des Saxofonisten trafen auf elementare und umso aussagekräftigere Posaunentöne.

Seit erstaunlichen 25 Jahren arbeiten Pianist Georg Gräwe, Cellist Ernst Rejseger und Schlagzeuger Gerry Hemingway zusammen, was der Musik ebenfalls eigenen, energiereichen Charme verleiht: Die virtuos perlenden Kaskaden am Klavier vereinigten sich immer wieder vor allem mit Gerry Hemingways farbenreichem Spiel zu reizvollen Soundstrukturen.

Weniger den Eindruck eines Mit- als eines Nebeneinanders erweckte hingegen das Konzert von Cellistin Okkyung Lee, Pianist Achim Kaufmann und dem akustisch dominanten Trompeter Axel Dörner, dessen erstaunliches Klang- und Geräuschspektrum in einem Solokonzert besser zur Geltung gekommen wäre.

Immerhin ein skurriler Ausreißer aus der Phalanx der Soundspontaneisten ist zu vermelden: Das Sextett Praed+ um den Schweizer Klarinettisten Paed Conca und den libanesischen Keyboarder Raed Yassin versuchte knalligen orientalischen Dance-Pop aus dem Computer und freie Bläsersätze zusammenzuführen. (Andreas Felber, DER STANDARD, 20.7.2014)

Share if you care.