Der Mann mit den Laseraugen

20. Juli 2014, 16:15
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Vincenzo Nibali dominiert das Geschehen bei der Tour und schickt sich an, diese als erster Italiener seit Marco Pantani 1998 zu gewinnen. Die dunkle Ära des Radsports, sagt er, könne man hinter sich lassen - 15. Etappe an Norweger Kristoff

Nîmes - Für Glückwünsche war noch keine Zeit, Vincenzo Nibali hätte sie trotz seines dominanten Auftritts in den Alpen wohl auch nicht angenommen. Wegen der Unberechenbarkeit der Tour de France und weil ja noch die Pyrenäen kommen. Doch der Zwischenführende der 101. Tour-Ausgabe muss sich vorerst weiterhin unangenehmen Fragen stellen - zu "Dottore Epo" Michele Ferrari zum Beispiel.

2009 hatte es Anschuldigungen gegeben, Nibali sei in der Nähe Ferraris gesehen worden und arbeite mit ihm zusammen. Der Italiener ließ gerichtlich dagegen vorgehen. Die Verdächtigungen wurden zurückgezogen. Nibali wurde am Samstag noch einmal damit konfrontiert, ob er den skandalumwitterten Trainer je getroffen habe. "Nein, ich bin ihm nie persönlich begegnet", sagte er. Die angeblichen Fotos mit ihm und Ferrari habe es nie gegeben.

Doping? Vergangenheit.

Ähnlich gelassen war Nibali auch in Saint-Étienne mit Zweifeln an der Glaubwürdigkeit seines Teams Astana umgegangen. "Es ist doch normal, ich hatte dieselben Fragen letztes Jahr beim Giro", sagte er, und das Doping sei aus seiner Sicht ein Teil der Vergangenheit. Diese dunkle Ära könne man aber hinter sich lassen mit den Fahrern der neuen Generation, zu denen Nibali sich zählt.

Das Renngeschehen beherrschte er schon auf dem Kopfsteinpflaster Nordfrankreichs, dann auch weitgehend in den Vogesen und eben in den Alpen. Drei Etappen entschied der 29-Jährige für sich. Er ist unbestritten der stärkste Fahrer im Peloton, vor allem seit Titelverteidiger Chris Froome und der zweifache Gesamtsieger Alberto Contador ausgeschieden sind. Weshalb so mancher die Wertigkeit des möglichen Triumphes gemindert sieht. Nibali nicht. "Ich habe letztes Jahr so ziemlich jedes Rennen gewonnen, auch mit Contador und Froome."

Geliebt

Er sei einfach in großartiger Verfassung. "Außerdem habe ich auf den Straßen von Paris - Roubaix schon wertvolle Zeit herausgeholt." In der Tat hatte sich der Sizilianer dort mit einer taktisch wie fahrtechnisch starken Vorstellung eine glänzende Ausgangsposition verschafft. "Mut und Klasse, Laseraugen und ein Herz, das für einen Traum schlägt", attestierte ihm danach die Gazzetta dello Sport, die auch seine überzeugende Kletterkünste feierte: Nibali sei jetzt "der Sonnenkönig" der Tour.

Der Corriere dello Sport verfasste gar eine Liebeserklärung an den neuen Helden der Tifosi, der in Paris 16 Jahre nach Marco Pantani der erste Italiener in Gelb wäre. "Wenn der Radsport eine Hoffnung hat, das Vertrauen hunderter Fans zurückzuerobern, dann muss man jetzt Vincenzo Nibali voll genießen. Wir haben uns in Nibali verliebt."

Bittere Momente für Flüchtlinge

Am Sonntag holte sich in einem an Dramatik kaum zu überbietenden Sprintfinale  Alexander Kristoff seinen zweiten Etappensieg. Der Gewinner von Mailand-San-Remo setzte sich in Nimes vor dem Australier Heinrich Haussler und dem Slowaken Peter Sagan durch.

Die tragischen Verlierer des von heftigen Gewitterschauern beeinträchtigten 15. Teilstücks waren Jack Bauer aus Neuseeland und der Schweizer Martin Elmiger, die nach einer Flucht über 221 Kilometer 100 Meter vor dem Zielstrich eingeholt wurden. (sid, red, DER STANDARD, 21.7.2014 + online update)

ERGEBNIS 15. Etappe (Tallard - Nimes, 222 km):

1. Alexander Kristoff (NOR) Katjuscha 4:56:42 Std. - 2. Heinrich Haussler (AUS) IAM - 3. Peter Sagan (SVK) Cannondale - 4. Andre Greipel (GER) Lotto - 5. Mark Renshaw (AUS) Omega Pharma - 6. Bryan Coquard (FRA) Europcar - 7. Ramunas Navardauskas (LIT) Garmin - 8. Romain Feillu (FRA) Bretagne - 9. Michael Albasini (SUI) Orica - 10. Jack Bauer (NZL) Garmin. Weiter: 12. Bernhard Eisel (AUT) Sky alle gl. Zeit.

Gesamtwertung: 1. Vincenzo Nibali (ITA) Astana 66:49:37 Std. - 2. Alejandro Valverde (ESP) Movistar +4:37 Min. - 3. Romain Bardet (FRA) AG2R +4:50 - 4. Thibaut Pinot (FRA) FDJ 5:06 - 5. Tejay van Garderen (USA) BMC 5:49 - 6. Jean-Christophe Peraud (FRA) AG2R 6:08 - 7. Bauke Mollema (NED) Belkin 8:33 - 8. Leopold König (CZE) NetApp 9:32 - 9. Laurens ten Dam (NED) Belkin 10:01 - 10. Pierre Rolland (FRA) Europcar 10:48. Weiter: 143. Eisel +3:06:19 Std.

Montag Ruhetag

  • Vincenzo Nibali kletterte bisher souverän über die Berge bei der 101. Tour de France. Das Gelbe Trikot will der Italiener auch in einer Woche in Paris noch tragen.
    foto: reuters

    Vincenzo Nibali kletterte bisher souverän über die Berge bei der 101. Tour de France. Das Gelbe Trikot will der Italiener auch in einer Woche in Paris noch tragen.

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