Der Nahe Osten und die Einäugigkeit

Kolumne20. Juli 2014, 16:27
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Demonstrationen für den Frieden wären begrüßenswerter als einseitige Parteinahmen

Die sonntägige Wiener Demonstration gegen die israelische Bodenoffensive im Gazastreifen war die x-te Wiederholung einer Meinungsoffensive, die gesetzlich berechtigt ist, die aber wegen der Stimmungsmache für die Hamas nicht mehr als einseitige Parteinahme ist.

Zu begrüßen wäre hingegen eine Demo für eine sofortige Waffenruhe in Nahost, zu der Kirchen, Amnesty International und SOS Mitmensch aufrufen könnten.

Seltsamerweise hat meines Wissens noch nie eine Protestkundgebung gegen die radikale Hamas stattgefunden, mit ihrem Raketenbeschuss Israels die Auslöserin der jüngsten kriegerischen Eskalation.

Dies ist umso erstaunlicher, als in der Person des Presse-Kolumnisten und Bloggers Christian Ortner eine verbale Pro-Israel-Offensive gestartet wurde, die der Chef der kleinen Österreich-Mutation der Hamburger Zeit, Joachim Riedl, "mutig" genannt hat. So als hätte man Verfolgung zu fürchten, wenn man das Selbstverständliche vertritt: an der Existenz von Staat und Volk Israel nicht zu rütteln.

Mutig wären Ortner und Riedl, wenn sie zu einer Anti-Hamas-Demonstration in der Wiener Innenstadt aufrufen und an deren Spitze marschieren würden. Aber das tun sie dann doch nicht. Auch ein solcher Protest wäre einseitig, aber aus der geistigen Gemengelage Ortners verständlich.

Erst am Wochenende hat er sich wieder gegen die Etablierung eines Palästinenserstaates ausgesprochen - mit der absurden Behauptung, dann wäre das multikulturelle Leben in Tel Aviv gefährdet. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher: Je mehr das offizielle Israel (namentlich Benjamin Netanjahu) die staatliche Sammlung der Palästinenser torpediert, desto stärker wird die Raketenkraft der Hamas, die ja genauso wie die extremen Israelis keinen Staat will. Denn das würde 1. voraussetzen, dass sie Israel anerkennt, und 2. bedeuten, dass sie ins völkerrechtliche Geflecht einbezogen wird. Beides ein No-Go.

Die New York Times, weder Gegnerin noch unfaire Kritikerin Israels, hat vor wenigen Tagen eine Gegenüberstellung der Zahl der Toten auf israelischer und auf palästinensischer Seite publiziert. Sie zählte 330 tote Palästinenser und fünf tote Israelis.

Das Traurige daran: Viele der Toten, zum Beispiel spielende Kinder an einem Sandstrand Gazas, können unmöglich einer Zielungenauigkeit feuernder Kampfjetpiloten zuzuschreiben sein.

Gudrun Harrer, die Nahost-Expertin des Standard, hat am Samstag die Tatsache, dass 50 bis 70 Prozent der Toten im Gazastreifen Zivilisten sind, mit den Worten kommentiert: "Niemand wird schuldig geboren." Dieser Konflikt kenne nur Verlierer, schreibt sie. Er kennt leider auch Gewinner: die Waffenindustrie und die verbohrten Radikalen.

Wollen wir hoffen, dass nicht auch die Entwicklungen in der Ostukraine zu einem Mini-Nahost in unserer unmittelbaren Nachbarschaft führen. Hier der Westen, dessen Hände nach dem Irakkrieg (G. W. Bush: "Für Freiheit und Demokratie") gebunden sind, dort ein autokratischer Herrscher namens Wladimir Putin, der seine Macht ausbauen möchte. Und dessen Geheimdienst-Mentalität in Kauf nimmt, dass die Aufrüstung von Rebellen zu Katastrophen führt wie dem Tod von 300 unschuldigen Flugpassagieren. Das sind die wirklichen Folgen der Aug-um-Aug-, Zahn-um-Zahn-Theologie.

Im Nahen Osten, in der Ukraine - und an den Laptops der Kommentatoren.

Vielleicht klingt es naiv. Aber Friedensdemos können mehr bewegen als einäugig-militante Proteste. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 21.7.2014)

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